Kapitel 1: Die Erben

von Adroth Rian

Als die Zmas das Anwesen der Thorns erreichten, dämmerte es bereits. Das tiefviolette Firmament hing wolkenlos über den Köpfen der Ankömmlinge. Von dem Gasgiganten Wiridwlosk, um welchen Altatran seine 11-tägige Runde drehte, war nur noch ein feiner, sattgrüner Sichel zu sehen, dem eine tiefschwarze Fläche folgte. Die Woche neigte sich ihrem Ende und in den kommenden drei Tagen erwartete die Trabanten-Bewohner 75 Stunden Dunkelheit, bevor Anghiran sich dazu erbarmen würde, wieder am äußersten Rand des Gasgiganten hervorzulunsen und damit Licht und Wärme zurückkehren zu lassen.

Markus Zma hatte einen Blick hinab in das Tal geworfen, wo bunte Lichter die unzähligen Straßen der Wüstenhauptstadt belebten. Dann legte er seinen Kopf in den Nacken und sah seufzend hinauf: Hier konnte man die musische Monotonie des Himmels noch genießen, denn nach den gewohnten Liefer- und Überwachungsdrohnen, die in regelrechten Schwärmen durch Stotchestad schwirrten, hielt man an diesem Ort vergebens Ausschau.

Markus klingelte wiederholt. Sein Sohn Willard – ein schmächtiger, käsebleicher Bursche mit krausem, kupferrotem Haar – wartete an der Seite seines Vaters darauf, dass sich hinter den hohen Betonmauern, die das gesamte Areal wie ein Gefangenenlager umzäunten, etwas regte.


Der Hauptanteil des Zma-Vermögens steckte in ihrem mittelgroßen Familienunternehmen für Arzneiherstellung. Durch viel Schweiß und harte Arbeit erkämpften sich Zma Senior und seine Mitarbeiter eine angemessene Position ihrer Fabrik innerhalb der Gesundheitswirtschaft, doch aufgrund einiger Fehlkalkulationen der vergangenen Jahre geriet das Unternehmen zunehmend in eine kritische finanzielle Schieflage. Zum Glück waren Dorian Thorn und Markus Zma seit Jahrzehnten eng befreundet. Dorian bot Markus an, das angeschlagene Familiengeschäft als eine Tochtergesellschaft in den „Thorn Tervagard“-Konzern zu integrieren, es auf diese Weise zu retten und für die Zukunft zu stärken.

Er sicherte Markus zu, dass das Alltagsgeschäft nach der Eingliederung wie gewohnt fortgesetzt werden würde. Die Arbeitsplätze von Markus‘ langjährigen Mitarbeitern – die wie wertvolle Familienmitglieder für ihn waren – blieben weiterhin bestehen. Seinem Sohn Willard, der durch Praktika bereits ein wenig Erfahrung im pharmazeutischen Arbeitsfeld gesammelt hatte, versprach Dorian eine feste Position innerhalb seines internationalen Konzerns. Dies würde der Berufslaufbahn des strebsamen Sechzehnjährigen einen ordentlichen Schub geben und ihm auf lange Sicht die besten Aufstiegsmöglichkeiten offenlegen.

Obwohl die Thorns keine Fremden für Willard waren, war er über alle Maßen angespannt: schließlich entschied der heutige Abend über seinen künftigen Lebensweg.


Das Zurückfahren schwerer Schlossbolzen ertönte, das Tor setzte sich langsam in Bewegung und gab einen viel zu engen Spalt frei. Vater und Sohn zwängte sich hindurch. Ein gnomenhafter Gynoid erwartete sie bereits. Zierlich und schön anzusehen, sollte man sich von dessen freundlichem Äußeren keineswegs täuschen lassen: Dieses Wunderwerk der Technik überstieg Markus' körperliche Kraft locker um das vierfache1.

Xana – so der Name des Gynoids, hinter dessen Hülle sich tatsächlich eine KI verbarg - legte die Hand auf die Mitte seiner Brust und verbeugte sich höflich, wie es vielerorts auf dem Trabanten Brauch war.

„Willkommen. Schön, dass ihr da seid. Darf ich euch darum bitten, mir zu folgen?“

„Warum denn plötzlich so förmlich, Xana?“, staunte Willard.

„Du bist doch heute hergekommen, um Big Business zu machen. Da darf ein gebürtiger Empfang nicht fehlen!“, scherzte Xana und schielte zu Zma Senior: „Außerdem hast Du Deinen alten Herren im Schlepptau und Du weißt ja, wie die älteren Generationen auf Etikette stehen. Jetzt kommt, Herr Thorn wartet bereits im Konferenzraum."


Willard war schon häufig auf dem abgelegenen Grundstück der Thorns gewesen um auf die beiden Kinder Olga und Dragan aufzupassen. Trotzdem beeindruckte ihn die Front des Anwesens immer wieder aufs Neue. Von der Zufahrtsstraße aus bestach das Gebäude durch seine moderne Architektur, die gigantische Treibhauskuppel, die schicke Beleuchtung und das Eingangsgebäude, das als protziger Schaukasten fungierte. Der rechts davon abgesetzte und verspiegelte Wohnblock war anthrazitgrau und fensterlos – vervollständigte das Gesamtbild jedoch harmonisch.

Die Eingangshalle war weitestgehend verglast und mit einem Pultdach versehen, welches bis ganz nach unten zum zubetonierten Innenhof hinabfiel und mit dem tavandrischen Lampenputzergras bewachsen war.

Die Wohnräume, die sich hinter einer Innenhofmauer parallel zum ovalen Treibhaus in die Tiefe des Areals zogen, waren deutlich bescheidener und funktionaler. Trotz allem empfand Willard die einzelnen Bereiche als unnötig groß. Selbst die Abstellkammer war im Vergleich zu seinem Jugendzimmer riesig.

Im Gegensatz zu den Thorns besaßen sein Vater und er nur eine überschaubare Privatsuite im 7ten Bezirk der Stadt. Doch selbst diese Bleibe mit ihren – Willards Empfinden nach – überdimensionierten Räumen, löste im Jugendlichen manchertags Unbehagen aus. Dieses Gefühl entwickelte der junge Mani allerdings erst, nachdem seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen hatte, um, wie sie sagte „endlich wieder frei sein zu können“. Ihr Fortgehen lag nun etwas mehr als vier Jahre zurück und Willard hörte nie wieder etwas von ihr. Offenbar gefiel seiner Mutter ihr neues Leben weit abseits der geschäftlichen und familiären Verpflichtungen, so dass eine Rückkehr für sie niemals in Frage kam.


Willard hasste sie dafür, dass sie ihn so im Stich gelassen hatte.


Die Tür zur Eingangshalle öffnete sich automatisch und die kleine Gruppe betrat das Foyer. Eine Vielzahl von Farnen, Blumenstöcken und verschiedenen Kräutern – von denen einige sogar von anderen Planeten stammen – waren hier untergebracht. Ein extravagantes Vergnügen, welches den Thorns ein kleines Vermögen kosten durfte, denn selbst das Halten einheimischer Pflanzen unterlag strengen Auflagen und war an hohe Anschaffungskosten und Steuern geknüpft. Allerdings genoss Dorian Thorn als pharmazeutischer Biotechnologe und Geschäftsführer von „Thorn Tervagard“ gewisse Privilegien und rechtliche Vorzüge, was den Besitz und die Handhabe von echten Pflanzen und anderen lebenden Organismen anbetraf.

Das von der Erde stammende Jiaogulan-Kraut und seine klare gelb-grüne Farbe fand Willard besonders schön. Die fünflappigen Blätter der Pflanze waren mit kurzen, stacheligen Härchen überzogen und winzige Ranken kringelten sich aus dem dichten Laubwerk heraus, um sich an dem Gitter entlangzuschlängeln, das an der Wand befestigt war.

Manchmal, wenn Willard auf die Kinder aufpasste, bereitete Iohaan – der Chefsekretär der Herrin Thorn – allen einen Tee aus den frischen Blättern des Krauts zu. Er sagte, es täte dem Jiaogulan gut, gelegentlich etwas zurückgeschnitten zu werden. Oft kümmerte sich der gesetzte Mann auch um die anderen Pflanzen des Anwesens. Er vergewisserte sich nach ihrem Wohlbefinden und führte kurze, freundliche Unterhaltungen mit seinen stummen Zöglingen, während er sie goss oder stutzte. Als Willard Iohaan einmal fragte, weshalb er zu den Pflanzen spräche, wenn sie ihm eh nicht antworten könnten, erwiderte dieser: "Vielleicht tut ihnen etwas Unterhaltung ja gut? Schließlich sind sie auch lebendig und brauchen Zuwendung."

An Tianas Chefsekretär, so vermutete Willard, war wohl ein begnadeter Stadtgärtner verloren gegangen.


Die auf blickdicht2 geschaltete Schiebetür zu dem Gästebereich glitt mit einem leisen, elektrischen Zurren beiseite und gab ein geräumiges Konferenzzimmer frei.

"Bitte kommt rein", wies Xana Markus und Willard an.

Der weiträumige Bereich war avantgardistisch aber unbeseelt eingerichtet. Der nüchterne negative Raum lies nicht unbedingt Gemütlichkeit aufkommen. Die riesigen digitalen Panorama-Fenster jedoch waren durchaus beeindruckend: sie zeigten in Echtzeit eine Projektion der tavandrischen Hauptstadt, die andernfalls durch die wuchtige Außenmauer versperrt geblieben wäre.

Dorian, der entspannt auf dem Sofa saß, war allem Anschein nach ins Lesen vertieft. Er war kräftig gebaut und blässlich – was dem klassischen Hautton der Mani entsprach, die von den Akondel‘schen Inseln stammen. Sein gut gepflegter Henriquatre-Bart, betonte sein ohnehin schon rundes Gesicht. Durch sein kurzgeschnittenes, butterscotch-blondes Haar, zogen sich weiße Haarsträhnen.

„Dorian!“, begrüßte Zma Senior seinen langjährigen Freund und Geschäftspartner, während er mit der Hand an seiner Brust eine energische Verbeugung vorführte.

Willards Verneigung dagegen fiel etwas hölzern aus.

Dorian sah von seinem Tabletcomputer auf.

„AH, DA SIND SIE JA, MEINE BEIDEN LIEBLINGSGESCHÄFTSKOLLEGEN!“, schrie er seine Gäste regelrecht an, ohne sich von seinem Platz zu erheben: „Setzt euch nur, lasst uns gleich das Vertragliche abklären!“

Markus stupste seinen Sohn an, neben seinem künftigen Chef Platz zu nehmen.

„Naaah, Junge? Ab heute beginnt Deine steile Karriere bei dem größten und wichtigsten medizinisch-technischen Konzern Altatrans! Wie ist das Befinden? Bist Du schon nervös?“, wollte Dorian von dem Sechzehnjährigen wissen.

„Uhm … Nein“, erwiderte Willard verunsichert, ertappte sich dabei, dass seine Antwort mehr vorgetäuscht als wahr gewesen ist und hoffte, dass sein Schwindel niemandem aufgefallen war.

Dorian lies lachend ein paar überzogen kräftige Schulterklopfer auf den Teenager niederprasseln. Zma Senior behauptete, dass diese ruppig-überschwängliche Art – die Willard so oft irritierte – schlichtweg Dorians Naturell entsprach. Auf seinen Sohn, allerdings, wirkte Herr Thorns Verhalten eher aufgesetzt.

„Guter Junge! Es gibt ja auch nichts, worüber man nervös sein sollte!“, behauptete sein baldiger Chef immer noch im Halbschreien: „Bei Thorn Tervagard wirst Du Dich mindestens genauso wohl fühlen, wie in der Firma Deines Vaters! Wer weiß, vielleicht bist Du Thorn Tervagards künftiger Vizechef? Du und Olga scheint euch ja gut zu vertragen!"

Herr Thorn hielt große Stücke auf seine 14-jährige Tochter Olga, die später sein Geschäft übernehmen sollte und aus seiner ersten Ehe stammt. Selbst in den Medien ließ der Unternehmer immer wieder verlauten, wie stolz er auf seine Tochter sei und welch leuchtende Zukunft er sich für sie ausmalte.


Willard lächelte gezwungen.


Dorian übergab dem jungen Mani das Tablet und drückte ihm ermutigend einen Digitalstift in die Hand: „Na dann, worauf wartest Du? Es fehlt nur noch Deine Unterschrift!“

Willard nickte, legte den Stift besonnen beiseite und scrollte zum Anfang des Vertrages.

„Ganz schön stocksteifen Burschen hast Du da, Markus“, gluckste Dorian und winkte Xana zu sich: „Da das jetzt wohl etwas länger dauern wird, wie wäre es mit einem feinen Tropfen zur Feier eines weiteren wichtigen Meilensteins unserer Zusammenarbeit, alter Freund?“

Markus Zma nickte eifrig. Er trank gerne mal einen über den Durst. Sein Sohn indes hielt nichts vom Alkohol. Der Jugendliche konnte es nicht ausstehen, wenn sein Vater angetrunken war.

„Xana, bring uns doch die Flasche Aquaterva, die letzten Zyklus geliefert wurde“, Dorian zwinkerte Willard heiter zu: „Was ist mit Dir, Will? Kippst Du ein paar Gläschen mit, um Deinen offiziellen Eintritt in das Erwachsenenleben gebürtig zu zelebrieren?“

„Ich darf noch keinen Alkohol trinken“, merkte sein Adressat trocken an, ohne von dem Vertrag aufzusehen.

Der Teenager war in der Zeile verrutsch, verlor den Faden und sprang mit säuerlichem Gesichtsausdruck zurück zum Anfang des Paragraphen. Er versuchte so gut es ging, das Juristenaltatransk zu verstehen. Leider verlief sich der Sinn der einzelnen Vertragsbedingungen in Myriaden von unnötigen Fachbegriffen, viele von denen er noch nicht kannte oder dessen Bedeutung er nicht in ihrem vollen Ausmaß verstand.

„Ach was, Will! Jetzt mach‘ Dich mal locker“, stichelte Dorian: „Es ist nicht so, dass das Aufsichtsamt Dich wegen ein paar Schlückchen Schnaps sofort einsackt. Außerdem übermittelt Dein Transmitter momentan sowieso keine Daten an die Behörden. Du bist doch eh wieder nüchtern, bevor ihr nach Hause aufbrecht, wenn Du Dich weiterhin so kleinlich durch den Vertrag hampelst“, er klatschte sich munter auf den Schoß: „Aber Du hast Recht. Vielleicht ist Aquaterva zu heftig für einen Grünschnabel wie Dich. Xana, bring dem Burschen doch eine Flasche Fruchtbier aus dem Kühlschrank.“

Willard sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu Dorian auf: „Nein danke, ich sagte, danke. Ich brauche keinen Ärger mit der Jugendaufsichtsbehörde. Ich würde mein Persönlichkeits-Profil gern sauber halten.“

„Man, Markus“, lachte Dorian belustigt auf: „Was hast Du denn da für einen Intelligenzler großgezogen? Ich wette mit Dir, dass das die Gene seiner Mutter sind.“

Willard nahm Dorians Worte zähneknirschend zur Kenntnis. Sein Vater jedoch schien die Aussage seines Geschäftspartners unterhaltsam zu finden.

„Xana, habt ihr noch diesen … uhm ... Saft mit Baysil-Samen da? Davon hätte ich gerne eine Flasche, wenn das in Ordnung ist“, bat der Teenager, um weiteren Diskussionen vorzubeugen.

Xana nickte bestätigend und eilte fleißig in die Gästeküche, wo sie mit Flaschen und Gläsern zu klirren begann, während Willard seine Nase wieder in die Vertragsunterlagen stecke.

Keine fünf Minuten später waren die Anwesenden versorgt. Vor die beiden langwierigen Geschäftsfreunde platzierte Xana zwei tiefe Schälchen, in die sie jeweils ein schlichtes, bauchiges Glas hineinstellte. Anschließend überreichte sie ihrem Chef das bestellte Hochprozentige.

Rasch war der Verschluss gelöst und Dorian goss Markus so viel Alkohol ein, dass sein Glas reichlich überlief. Ihr Gastgeber folgte hierbei einem alten Wüstenbrauch, der noch aus der Zeit stammt, in der jeder Tropfen Flüssigkeit in Tavandria überlebenswichtig war und einem Gast mehr einzuschenken, als ein Trinkgefäß fassen konnte, als ein Zeichen überragender Großzügigkeit galt.

Zwischenzeitig war Willard über eine Textpassage gestolpert, mir der er nichts anfangen konnte.

„Papa, uhm … was genau ist ...“

„AUF DEN FORTBESTAND DES ZMA FAMILIENUNTERNEHMENS UND AUF EINE HERAUSRAGENDE ZUSAMMENARBEIT!“, gröllte Dorian vergnügt und hob sein Schnapsglas schwungvoll aus der Auffangschüssel.

Markus tat es ihm gleich und die beiden stießen enthusiastisch direkt über Willards Kopf an. Ein paar Tropfen, die von den überfüllten Gläsern herunterrannen, landeten auf dem Tabletscreen. Sofort wurden die geleerten Gläser wieder aufgefüllt.

„Entschuldigt mich...“, der Sechzehnjährigen richtete sich bestürzt auf und verlagerte seinen Sitzplatz an den äußersten Sofarand. Wollte sein Vater ihn nicht unterstützen, dann sollte er zumindest nicht stören.


Doch auch die nächste Ablenkung ließ nicht all zulange auf sich warten.


„Willard? Spielst Du mit mir?“, ertönte eine helle Stimme.

Als Will sich umwand, stand neben der Sofa-Armlehne ein kleiner rundlicher Junge. Er hatte herbstbraune Haut und dunkelbraunes, struppiges Haar. Seine großen grauen Kinderaugen besahen den Rotschopf erwartungsvoll.

„Sorri, Kleiner – ich kann gerade nicht. Ich muss hier ein wichtiges Dokument lesen. Warum spielst Du nicht mit Deiner Schwester?“

„Sie will nicht mit mir spielen. Sie sagt Stofftiere sind für Babies. Sie ist ja kein Baby mehr.“ Der Winzling strecke dem jungen Mani sein Lieblingsstofftier entgegen: „Bitte! Du kannst auch Hubert haben!“

Noch bevor der Jugendliche etwas darauf erwidern konnte, erklang Dorians strenger Bass: „Wie ich sehe, Zma Junior, sind Dir Kinderspielereien gerade wichtiger als Deine berufliche Zukunft.“


Erst erschrak er; dann empörte sich Willard innerlich über diese ungerechte Behauptung.

"H-Herr Thorn, das stimmt nicht", verteidigte er sich und rang überrumpelt nach Worten: "Es ist mir sehr wichtig, dass ... also, ich meine ... uhm ..."

Die Tür zum Konferenzraum glitt wiederholt zur Seite. Eine attraktive Hocherle mit karamellbrauner Haut betrat das Zimmer. Ihr sanft gewelltes, halblanges Haar, war mithilfe einer eleganten Metallhaarklammer zu einem strengen Zopf gebündelt. Ein Mensch folgte der Erle dicht auf; sein Teint war noch ein paar Stufen dunkler als der ihrige. Ansonsten unterschied er sich äußerlich gerade mal durch seine abgerundeten Ohrspitzen von der Mani-Spezies.


Erleichtert atmete Willard auf.


"Ach, sieh mal an, wer endlich eingetroffen ist", begrüßte Dorian seine Lebenspartnerin und ihren Chefsekretär: "Wenn Du schon da bist, kannst Du Dich ja gleich um diesen Nervtöter kümmern", er deutete auf Dragan und warf Iohaan ein spöttisches Nicken zu: "Oder Du überlässt das Deinem Mädchen für alles. Ist mir gleich. Dein Sohn stört."

Obwohl Dragan Dorians leiblicher Sohn war, genoss er seitens seines Vaters keinen besonders liebevollen Umgang. Vielleicht lag es daran, dass er seiner Mutter zu ähnlich sah und gerade mal Dorians Augenbrauen geerbt hatte. Vielleicht hatte Dorians Antipathie seinem Spross gegenüber einen anderen Ursprung. Wie dem auch war, Dorian fand genügend Gründe, seinen halberlischen Abkömmling immer wieder aufs Neue abzulehnen.


Tiana Thorn ignorierte die Worte ihres Göttergatten.


„Nanu“, stutzte sie und riss dabei ihre großen, nebelgrauen Augen auf: „Markus, Willard – ihr seid bereits hier? Sollte das Treffen nicht erst in gut zwei Stunden stattfinden?“

"Ich musste den Termin vorverlegen", meldete Dorian sich vordringlich zu Wort: "Hat Dein, ach, so fähiger Bückling Dir die Information etwa nicht weitergegeben?"

Iohaan teilte Tiana etwas mit gesenkter Stimme mit, woraufhin seine Chefin Dorian falsch anlächelte und sich an ihre Gäste wand.

„Nun gut. Ein Glück hat sich mein ursprünglicher Abendtermin erledigt – so habe ich doch noch das Vergnügen, Willard als einen vielversprechenden jungen Mitarbeiter bei Thorn Tervagard willkommen zu heißen. Dragan, Liebling – magst Du mit Iohaan mitkommen? Du weißt ja, wie schwer es Papa manchmal fällt, sich zu konzentrieren. Vielleicht kann Iohaan Dir etwas schönes vorlesen?“

"Kein Wunder, dass aus dem Bengel nichts wird, wenn Du seine Erziehung diesem Erdling überlässt, Tiana."

"Würdest Du Dich mehr um unseren Sohn kümmern, würde diese Aufgabe nicht ständig an meinem Chefsekretär hängenbleiben, Dorian."


Iohaan, der es längst gewohnt war, dass zwischen dem Paar ununterbrochen Spannungen herrschten, hatte den etwas verstört wirkenden Jungen spielerisch auf den Arm gepackt, ihm ein paar aufmunternde Worte zugeflüstert und das Wohnzimmer durch die Gästeküche verlassen.


"Also, Herrschaften", begann Tiana, während sie klangvoll ihre Handflächen aufeinander schlug: "Habt ihr in meiner Abwesenheit irgendwelche Dummheiten begangen? Undurchsichtige Arbeitsverträge unterzeichnet zum Beispiel?"

Willard griff nach dem Strohhalm, den Herrin Thorn ihm so barmherzig offerierte.

"Ich bin noch nicht ganz fertig mit dem Durchlesen des Vertrags und leider verstehe ich nicht alles, was hier drin steht." "Kluger Junge. Erst lesen – dann signieren", bemerkte Tiana unverblümt: "Meinem Gatten darf man nicht trauen und Dein Vater ist ein leichtgläubiger Narr."

Markus kannte die immerwährenden Kabbeleien zwischen den beiden Weggefährten und fasste Tianas Aussage als Scherz auf. Willard hatte nicht den Eindruck, dass Herrin Thorn zum Scherzen auferlegt war.

"Zeig mal her, Will", bat sie nonchalant.

"Tiana, Täubchen, das ist ganz schön verletzend", gebot Dorian dem Vorgang unterschwellig Einhalt: "Will und Markus wissen, dass sie mir vertrauen können. Während all der Jahre unserer Freundschaft hatte ich noch nie etwas getan oder vereinbart, was die Beiden übervorteilt hätte."

"Ich gebe Dorian voll und ganz Recht, Tiana", sprang Markus für seinen Berufsgenossen in die Bresche: "Eine gute Zusammenarbeit basiert nun mal auf Vertrauen, ist das nicht so?"

"Auf den Tod kann man vertrauen, Markus", stellte Tiana eisig fest: "Geschäft allerdings – bleibt Geschäft."

"So kalt kannst nur Du sein, mein Schatz", verdrehte Dorian ihr die Worte in Mund.

"Ein Glück stehe ich damit nicht allein", erwidert sie unbeeindruckt und deutete Willard mit Nachdruck an, ihr endlich das Tablet zu reichen.

Der Jugendliche kam gern ihrer Aufforderung nach. Er mochte Herrin Thorn. Sie war streng, aber fair – und er vertraute ihr. Bereits beim flüchtigen Überfliegen der Unterlagen hatte Tianas Miene sich skeptisch verzogen.

„Spatz, kommt es mir nur so vor, oder hast Du seit unserer letzten Bearbeitung des Vertrages ein paar Änderungen vorgenommen?“

„Dir entgeht aber auch gar nichts, Spatz“, bestätigte ihr Lebenspartner kriecherisch: „Ich habe mich gestern für ein paar Stunden mit meinem Prüfer zusammengesetzt, um den Vertrag noch ein wenig zu optimieren.“

„Das erklärt einiges“, ein süffisantes Lächeln legte sich über Tianas Lippen: "Ach, sieh Mal Schatz! In einem der Absätze scheint Dir und Deinem Prüfer ein Fehler unterlaufen worden zu sein. Nur einen Moment, ich ändere das fix ab ...“, sie tippte mehrmals auf den Screen und staunte scheinheilig: „Nanu? Hast Du etwa das Dokumentpasswort geändert, Schatz?"

"Oh", säuselte Dorian: "Da habe ich wohl aus Versehen einen meiner persönlichen Passwörter verwendet, Schatz."

"Nicht so schlimm, mein Liebling", versetzte die Hocherle zuckersüß: "Würdest Du das Dokument kurz für mich freigeben?"

"Schon geschehen, mein Liebling“, ihr Gatte klang etwas verdrossen.

"So, schon erledigt", verkündete sie endlich, nachdem sie mit ihren Korrekturen fertig war. Sie sah zu Dorian und Markus: "Möchten die Herren noch einen Blick auf die Änderungen werfen?“

"Aber nein, meine Liebe, ich vertraue ganz und gar auf Dein ausgezeichnetes Urteilsvermögen – genauso, wie Willard und Markus ihr Vertrauen in mich setzen", lehnte Dorian ihr Angebot suggestiv ab.

„Markus?“, hackte Tiana noch mal nach.

Dieser winkte ab: „Passt schon. Dorian hat Recht. Auf Dein Urteilsvermögen ist immer verlass.“

"Nun gut", die Erle gab das Tablet an Willard zurück. Ihr Gebaren hatte den Sechzehnjährigen verunsichert. „Das wird schon, Will“, fügte sie hinzu und lächelte dünn: „Du kannst den Vertrag mitnehmen und in Ruhe noch mal durchgehen, wenn Du willst – weißt Du?“

„Ich will ja nicht drängen“, mischte Dorian sich ein: „Aber Willards Ausbildung beginnt in knapp zwei Wochen und ich brauche den unterschriebenen Vertrag, um alles rechtssicher zu machen und um den zuständigen Behörden alle erforderlichen Unterlagen für die Arbeitsanmeldung zukommen zu lassen. Wenn ich alle Dokumente bereits heute versenden kann, erspart mir das jede Menge unnötigen Bürokram. Deshalb würde es mir sehr entgegenkommen, wenn wir die ganze Vertragskiste direkt erledigen könnten.“

Er sah hilfesuchend zu Markus. Bevor Tiana widersprechen konnte, stieg Zma Senior auf Dorians Wunsch ein.

„Komm, Willard – unterzeichne den Vertrag. Wir wollen Dorian keine zusätzliche Arbeit aufbürden. Das wäre nicht besonders dankbar, nach allem, was er für unser Familienunternehmen getan hat."

Willards Blick wanderte dasig zwischen den anwesenden Erwachsenen. Sein Vater war bereits leicht angetrunken. Herr Thorn wirkte ungeduldig. Herrin Thorn hatte ihre Lippen zusammengepresst und resignierend mit den Schultern gezuckt. Kurz glaubte der Teenager, dass sie dezent ihren Kopf geschüttelt hatte – aber er hätte sich auch irren können.

"Dauert das noch lange?", drängte Willards künftiger Chef.

"Dorian!", fauchte Tiana.

"Bring's hinter Dich, Will", befeuerte ihn sein Vater.

Zögernd unterzeichnete der Sechzehnjährigen den Vertrag, der in den kommenden Jahren über seine Zukunft bestimmen würde.

"Braver Junge!", lobte ihn Dorian und wand sich sofort wieder an Markus: "Noch eine Runde Aquaterva?"

"Das musst Du mich nicht zweimal fragen!"


Stunden später hatte Willard Sayori – die treue KI-Assistentin seiner Familie – darüber in Kenntnis gesetzt, dass Zma Senior am bevorstehenden Tag erst spät nachmittags wieder geschäftlich erreichbar sein würde. Dann bestellte er ein Shuttle, um seinen volltrunkenen Vater nach Hause zu schaffen. Herrin Thorn hatte er für den Rest des Abends nicht mehr gesehen.


1 Durchschnittlich kann ein mann 60 kg kurzzeitig heben. 5% der gesamten männlichen Bevölkerung kann 100 kg kurzzeitig anheben. „Spot“ von Boston Dynamics kann Gegenstände bis zu 14 kg Gesamtgewicht tragen.


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