Kapitel 4: Chichi

Olga wusste, dass ihr Vater an fast allen freien Wochentagen in seinem Labor innerhalb der Treibhauskuppel arbeitete. Über ihren Transmitter – der jedem Altatraner direkt nach der Geburt in das rechte Handgelenk verpflanzt wurde – hatte auch sie Zugang zu diesem sonst stets verschlossenen Bereich. Ihrer Stiefmutter blieb dieses Privileg verwehrt. Das erfüllte Olga mit einer innigen, stillen Freude und auch mit einem gewissen Stolz. Manchmal durfte sie ihrem Vater bei seinen Forschungen sogar assistieren. … Aber jetzt ging es um etwas anderes.


Der Innenhof war hell erleuchtet und obwohl der Morgen weit vorangeschritten war, hing der Himmel immer noch als eine schwarze Decke über dem Tal. Erst in zwei Tagen würde Anghiran wieder auf dem Himmel über Stotchestad erstrahlen. Bis dahin überstrahlten die Lichter der Stadt das Leuchten der Sterne.

Entgegen ihren Erwartungen traf Olga ihren Vater am Einfahrtstor zum Lager vor. Dorian führte gerade ein hitziges Gespräch mit dem Zusteller für Sondergüter. Auf der Ladefläche des Lieferwagens – sorgsam fixiert – befand sich eine dickwandige, transparente Box, in der sich ein Sumpfdoggen10-Welpe aufgeregt auf und ab bewegte.


„Noch mal: Ich habe eine ausgewachsene Dogge bestellt!“, maulte Dorian.

Der Bote antwortete in einem hektischen Klicklautmuster.

„Ist mir egal, was im Formular steht! Wenn eure Bestellsysteme so fehleranfällig sind, ist das nicht mein Problem! Ich kann mit einem Welpen nichts anfangen! Weißt Du, wie lange eine Sumpfdogge braucht, bis sie ausgewachsen ist? Du dämliche Schmeißfliege hättest Dir die Fahrt hierher genauso gut sparen können!“

Auch wenn keine Emotionen im Gesicht des insektoiden Boten zu erkennen waren, sprachen seine Körperhaltung, die hektische Bewegung seiner Fühler und Mundwerkzeuge sowie seine zwei Paar wild gestikulierenden Arme dafür, dass er sich Dorians abfällige Art keineswegs bieten lassen wollte.

Olgas Audiodots übersetzten die Klicklaute des Lieferanten: dieser schimpfte gerade wie ein Rohrspatz, da viele seiner Ausdrücke durch den aktiven Kinderfilter ausgespiept wurden.

Dorians Gesichtszüge verhärteten sich. Als Reaktion auf die – aus seiner Sicht – seitens des Lieferanten unfachmännische Handhabung der Situation, hatte er seinen Polytasker11 aus der Tasche gezogen, ein Bild von seinem Gegenüber geschossen und in das altatranische Infonet geladen.

„So lasse ich nicht mit mir reden. Videoanruf Transportflotte ‚Exo-Rails’, Leiter der Abteilung für Sondergüter Quill Takkah“, zischte er in seinen Audiodot so, dass es auch der Lieferant klar und deutlich hören konnte.

Da ging dem Boten der Arsch auf Grundeis. Er ließ einige hektische Schnappgeräusche von sich verlauten.

„Ach, Du wirst hier nur geduldet? Dann hättest Du Dir vorher Gedanken darüber machen müssen, wie Du mit Deinen Kunden umspringst. Ihr interstellares Gesindel gehört alle auf eure dreckigen Ursprungsplaneten zurückgeschickt. Warte nur ab, was Dein Chef zu Deiner Ausdrucksweise zu sagen hat.“


Bei seiner Hatz war Dragan mit der Tür kollidiert, stürzte und beweinte lauthals sein Leid bis ihm wieder einfiel, weshalb er Olga so verbissen verfolgte. Schon war er draußen: schluchzend und komplett verheult. Als er jedoch seinen Vater erblickte, versiebten seine Tränen nahezu sofort. Fast war es so, als hätte ihm jemand mit einem saugstarken Schwamm über die Augäpfel gewischt.

Eingeschüchtert klammerte er sich an Olgas Arm fest und beäugte die diskutierenden Erwachsene verschrocken. Der Blick des Jungen folgte den aufgeregten Gesten des insektoiden Zustellers und fiel auf die Transportbox.

Das Herz schlug ihm höher.

„Chichi?“, kam es in stiller Aufregung über Dragans Lippen.

Olga entging das keineswegs. Sie verdrehte ihre Augen: Wie dumm ihr kleiner Stiefbruder doch war! Gefühlt alles, was auf vier Beinen lief und auch nur im entferntesten an einen Kabban erinnerte, war für ihn automatisch eine ‚Chichi’.


„Das glaubst Du doch nicht wirklich!“, lachte Dorian auf einen Kommentar des Boten plötzlich auf. Er sah wieder an seinem Gesprächspartner vorbei in die scheinbare Leere. Jemand bei Exo-Rails hatte seinen Anruf entgegengenommen: „Ja ... Hallo Quill, es gibt ein Problem bei der Zustellung. Der Welpe ist tot.“


Der Welpe? Tot? Aber er war doch dort! Quicklebendig!

 

Der Bote zuckte bei dem Gehörten zusammen und wollte gerade aufs Heftigste widersprechen, da erhob Dorian seinen rechten Zeigefinger und gebot ihm zu schweigen. Der kalte, drohende Blick des Mani ließ den Insektoiden erstarren.

„Ich werde die Sache mit dem Zusteller klären. Dafür hat er mit Sicherheit eine logische Erklärung. ... Ja, das kann schon vorkommen. ... Nein, das ist nicht nötig. Ich kann das biologische Material verwerten. ... Ja. Zu Schade um das kleine Ding. Meine Tochter hätte sich sehr auf ihre neue Therapiedogge gefreut. ...“, ein weiterer Lacher: „Ach was, ich hatte schon so viele ausgewachsen Sumpfdoggen als Versuchssubjekte in meinem Labor, da gewinnt man sie doch irgendwie lieb. ... Aber man kann sie ja nicht immer nur zu Versuchszwecken verwenden – auch wenn sie der altatranischen Gesellschaft für den medizinischen Fortschritt ein großes Opfer bringen. ... Ja, auf ein Exemplar als Aufmunterungstier hatte ich gehofft. Vielleicht ist das ein Zeichen. Ich werde erst Mal davon absehen, einen weiteren Welpen zu bestellen.“


Olga wurde hellhörig. Der Welpe war für sie? Leider ließ auch sie sich oft von ihrem Vater täuschen.


„Die Rechnung übernehmen?“, entgegnete Dorian mit überzeugendem Staunen und anschließender, vorgetäuschten Bescheidenheit: „Aber das ist doch nicht nötig. ... Wenn Dein Unternehmen darauf besteht ... Ich erledige den Formularkrieg mit dem Behörden. Du weißt ja: In meinem Arbeitsfeld kommt so etwas gelegentlich vor. ... Natürlich werde ich auch künftig über euch liefern lassen, was ist das für eine Frage? ... Nein, ich wollte euch nur vorwarnen. Rechnet mit einer dicken Datenmenge in eurem Postfach die kommenden Tage. ... Nein, ich glaube nicht, dass euer Zusteller schuld ist. Er muss sich erst noch beruhigen. Die Situation scheint ihn zu überfordern“, Dorian lachte nochmals klangvoll auf: „Ja, ich dachte mir schon, dass er ganz frisch bei euch angefangen hat. ... Gerade Mal zwei Monate auf Altatran? Ja, das ist nicht einfach. ... Nein. Wir wollen seine Familie und ihn nicht wegen einem vermutlich technischen Fehler der Gefahr aussetzen, ihren Asyl-Status zu verlieren. Wir wissen ja alle, welche widrigen Verhältnisse aktuell auf Kazakkat herrschen. Da würde ich auch nicht ansässig werden wollen. ... Ja, es wird sich schon alles regeln lassen. Gar kein Problem. Ich melde mich in Kürze noch Mal bei Dir, Quill. Ihr macht einen guten Job. Bis bald.“

Dorian beendete den Video-Anruf.

Der Insektoide hatte in der Zwischenzeit seine zwei Paar Schultern sacken lassen und richtete seine langen Wangenfühler sichtlich frustriert gen Boden.

Dorian schlug gegen die Transportbox und rüttelte an dem Befestigungsmechanismus: „Die Behörden wird es brennend interessieren, wie Du so nachlässig mit der Lebend-Ware umgehen konntest, dass sie unterwegs umgekommen ist.“

Diese Feststellung weckte erneut die Lebensgeister in dem Chitin-Panzer des Zustellers. Er wedelte aufgeregt mit den Armen. Seinen Mundwerkzeugen klickten ohne Punkt und Komma.

„Das wird Dir keiner Glauben. Signale und Mitschnitte innerhalb dieser Mauern, bleiben innerhalb dieser Mauern – es sei denn, ICH WILL, dass jemand davon erfährt. Du bist nur ein unbedeutender Asylant, mich dagegen kennt jeder auf diesem Planeten. Wenn Du auch nur daran denkst, meinen Namen in den Schmutz zu ziehen, verklage ich Dich wegen Diffarmierung und Rufschädigung und dann katapultiert man Dich und Deine gesamte Brut so weit ins All, dass euch eure dreckigen Erdlöcher auf Kazzakat wie Paläste vorkommen werden. Ich würde mir gut überlegen, ob Du Dich wirklich mit mir anlegen willst. Ich schlage stattdessen eine Kooperation vor, damit wir beide bekommen, was wir wollen.“

Der Zusteller gab resignierend nach.

„Ich bin ein vielbeschäftigter Mani“, erklärte sich Dorian: „Deshalb kannst Du Dir vielleicht vorstellen, dass ich keine Zeit habe, auf ein neues, ausgewachsenes Sumpfdoggen-Exemplar zu warten. Noch weniger habe ich die Zeit, ein Jungtier hochzuziehen.“ Er beugte sich zu der Transportbox vor. Der Welpe streckte ihm neugierig seine, lange, mit spitzen Zähnen besetzte Reptilienschnauze entgegen.

„Meine kleine Notlüge tut mir ehrlich leid“, entschuldigte er sich: „Ich muss den Formularkrieg mit den Ämtern so gering wie möglich halten. Einen Welpen als Versuchstier bei den Behörden durchzubringen ist selbst für ein Unternehmen wie 'Thorn Tervagard' so gut wie unmöglich. Vor der Freigabe ist die genannte Dogge bereits dreimal ausgewachsen.“

Dorian verpasste dem Boten einen Klaps auf die Schulter: „Aber Du verstehst doch sicherlich, dass meine Arbeit keinen Aufschub duldet. Ich stehe kurz vor einem Durchbruch für eine regenerative Heilsalbe. Sie wird die Wundheilung revolutionieren. Du möchtest dem medizinischen Fortschritt doch sicherlich nicht im Weg stehen?“

Der Insektoide schüttelte zögernd den Kopf.

Wunderbar! Dann sind wir uns einig!“, stellte der Mani munter fest: „Die benötigten Formulare für einen gescheiterten Lebend-Transport sind Dir bekannt. Gib einfach an, dass der Welpe den Transportstress nicht überstanden hat. Mit meiner Unterschrift werde ich bestätigen, dass der Tod des Welpen bloß ein unglücklicher Vorfall war, den Du keineswegs verhindern konntest.“

Dorian tippte und schob irgendwelche Unterlagen auf seinem Polytasker zusammen, während er von dem Lieferanten, der nervöse Zischlaute von sich gab, skeptisch beäugt wurde.

„Jetzt mach Dir mal nicht in den Panzer. Der Zeitstempel Deiner Lieferung und der Todespunkt des Welpen sind bereits eingetragen. Und Deine kleine Schimpftirade ist schon vergessen.“

Dorian tippte noch etwas in seinen Polytasker ein: „Und die Todesursache ist ebenfalls geklärt und festgehalten. Ein übersehener Herzdefekt. Sehr dramatisch, kommt aber vor. Du bestätigst, dass der Welpe tot ist?“

Der Bote sah das kleine Wesen in der Transportbox bemitleidend an, nickte dann trotzdem und verdiente sich damit ein paar Klopfer auf den Rücken.


Dragan – von dem Welpen immer noch wie hypnotisiert – hatte von dem Gespräch zwischen Dorian und dem Lieferanten längst nichts mehr mitbekommen. Er hätte vermutlich auch nicht all zu viel davon verstanden.

DAS war die Chance, dem nervigen Tränenkönig Ärger zu machen, so dachte sich Olga und stupste ihren kleinen Bruder an.

„He, Dragan ...“, flüsterte sie ihm zu: „Du darfst jetzt auf keinen Fall weinen, sonst merkt Papa, was wir vorhaben.“

„Was haben wir vor?“, fragte ihr Stiefbruder verwirrt.

„Na, Chichi retten, natürlich, bevor Papa sie an seine Killerpflanze im Labor verfüttert.“

Dragans Gesicht verzog sich kurz zu einer entsetzten Grimasse, dann biss er sich auf die Unterlippe und nickte, ohne auch den kleinsten weinerlichen Mucks von sich zu geben.

Sein Verhalten stellte Olga zufrieden. Der Weg, ihren kleinen Bruder zu einer Dummheit anzustiften, war nun geebnet. Aber wie könnte sie es so anstellen, dass sie selbst unbescholten davon käme?

Der Behälter mit dem Welpen wurde in einer gewissen Entfernung von dem Lieferfahrzeug abgestellt. Dorian und der Lieferant waren zur Front des Fahrzeugs gelaufen.

„Na los, das ist Deine Chance“, stachelte seine große Schwester ihn an: „Du kannst den Behälter nehmen und verstecken. Wir finden schon einen Weg, ihn zu öffnen.“

Dragan kämpfte mit der Angst. Er war ein feiges Kind – das war kein Geheimnis. Aber für Chichi würde er genug Mut aufbringen.

„Ihr habt jetzt nicht wirklich vor, den Welpen zu stehlen und irgendwo im Anwesen zu verstecken, oder?“, erklang Iohaans ruhige Stimme hinter ihnen.

Die beiden Verschwörer zuckten zusammen und wanden sich erschrocken um. Der Chefsekretär ihrer Mutter nahm einen entspannten Schluck aus der Kaffeetasse, die er mit beiden Händen umfasste, dann setzte er den Tassenrand wieder von seinem Mund ab und schützte wertend die Lippen.

Olgas Gedanken rasten. Nur weil man auf frischer Tat ertappt wurde, hieß es noch lange nicht, dass man auch gestehen musste. Besser, man schob die Schuld ganz schnell jemand anderem zu.

Die Teenagerin gab ihrem kleinen Bruder einen energischen Schubser.

„Dragan, ich sagte doch, dass das eine blöde Idee ist!“, zischte sie laut: „Papa würde sowieso sofort drauf kommen, dass Du die Box mit dem Welpen gestohlen und versteckt hast!“

„Aber ...!“, versuchte ihr Bruder zu widersprechen, da schubste ihn seine Schwester wiederholt.

„Mh“, entgegnete Iohaan unbeeindruckt.

Hatte er sie durchschaut? Was hatte er mitbekommen? Dieser Mensch könnte ihr sowieso nichts nachweisen! Es ist ja sowieso noch gar nichts passiert! Warum sah er sie so an? Sie sollte nicht so starren. Machte sie sich verdächtig?


Iohaan lächelte dünn und nahm einen weiteren Schluck Kaffee.

Natürlich hatte er sie durchschaut. Iohaan mache man nicht so einfach etwas vor.


„Wer auch immer der Drahtzieher ist ...“, fing der Chefsekretär an und bescherte beiden Kindern einen nicht gar so strengen Blick: „… Ich würde euch davon abraten, den Welpen zu stehlen. Keiner von uns möchte, dass euer Vater schlechte Laune bekommt, nicht?“

Unterdessen war der Bote in sein Transportfahrzeug gestiegen. Man sah ihm an, dass er es kaum abwarten konnte, vom Grundstück des Anwesens zu verschwinden. Über die Audiodots wies Dorian zwei Lastenbuckler12 an, die Transportbox mit der Jungdogge ins Labor zu bringen. Die leise surrenden Roboter waren augenblicklich zur Stelle und machten sich zügig an die Arbeit.

Bevor der Zusteller von dem Gelände fuhr, rief ihm Dorian zu: „Ich danke für die ausgezeichnete Zusammenarbeit!“


10 Sumpfdoggen
Ursprünglich von Altatran stammende Tiere, die sich aus einem Strang Echsen entwickelt haben und vom Verhalten und Aussehen her den Hunden auf der Erde sehr ähneln.


11 Polytasker
Ein handliches Multifunktionsgerät zur Unterhaltung, Informationsbeschaffung und Steuerung der internen bioelektrischen Mods, welches jeder Altatraner vom Staat gestellt bekommt. Im Falle von Verlust oder Zerstörung wird das Gerät kostenfrei ersetzt.


12 Lastenbots
Lastenbots der gnomischen Firma „Mägi“ werden im Volksmund auch Lastenbuckler, Buckler oder Buckies genannt. Sie wurden speziell dafür entwickelt, Lasten zu schleppen, Regale einzuräumen und Lager umzustrukturieren.

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