Kapitel 7: Lost and Found

Der Zusteller verabschiedete sich. Heute hatte Olga die Lieferung empfangen und geprüft und wurde von ihrem Vater in höchsten Tönen gelobt. Fehlerfrei hatte sie alles erledigt und war unendlich stolz auf sich.

Nachdem Dorian die Lastenbots angewiesen hatte, die angelieferten Kisten ins Labor zu schaffen, betraten er und seine Tochter wieder das Anwesen und erwischten Dragan dabei, wie er sich gerade an der Tür in die Gästeküche zu schaffen machte.

Olga grinste boshaft – ihr kleiner Bruder war immer noch im Panikmodus.

Ein winziger Teil von ihr wünschte sich, dass er nicht so ein Versager wäre, aber sie wusste es besser.

„Ach, da bist Du ja, kleiner Bruder! Ich habe die Flugechse sicher für Dich aufbewahrt! Sie möchte doch sooo gerne Deine Freundin sein! Komm’ schon, willst Du sie etwa enttäuschen?“

Das Entsetzen im Gesicht ihres Halbbruders bereitete ihr eine euphorische Freude. Mitgefühl? Nur Schwächlinge zeigen Mitgefühl! Und selbst wenn – sie würde es niemals vor ihrem Vater durchscheinen lassen.


Was würde Dragan jetzt wohl tun?

Er rannte weg.

Aber natürlich rannte er weg.


„So ein dummer Feigling“, lachte sie spöttisch auf. Absichtlich laut genug, dass ihr Vater es hören konnte.


Hatte sie alles richtig gemacht?

Jetzt bloß keine Schwäche zeigen.


Sie folgte ihrem Stiefbruder in den Hauptflur und sah gerade noch, wie er durch die Hintertür nach draußen flüchtete. Für seine kurzen Beinchen war der Knirps ganz schön flink. Kein Wunder, wenn er ständig nur am Wegrennen war.

Egal.

Früher oder später würde sie ihn schon kriegen. Sie brauchte nicht zu hetzen.

Sie schlenderte ihm gemütlich nach und schmunzelte: Die Schiebetür zu

verklemmen war fast schon zu einfach gewesen.

 

Kurz überlegte sie sich, zum Seiteneingang zurückzukehren und dort auf ihn zu lauern. Dann trat sie doch ins Freie; sie fand es viel amüsanter, ihn zu verfolgen.

Im Garten war es verdächtig still. Das Mädchen fragte sich, wo der Wurm sich verkrochen haben könnte. Im Dickicht hinter der Flammenakazie vielleicht? So schnell und geräuschlos würde er es niemals hinbekommen.

Er musste wohl um das Anwesen gelaufen sein.

In den tiefen, grünlichen Schatten regte sich nichts. Sie flanierte den Weg zwischen dem Wohngebäude und der Treibhauskuppel entlang und näherte sich der Lieferantenzufahrt. Rechts davon rückte die überdachte Abladestation in ihr Sichtfeld. Dort hantierte einer der Buckies gerade mit der frisch zugestellten Ladung.

Sie entschied, den Pfad hinter dem Gewächshaus entlang der Begrenzungsmauer zu untersuchen. Möglicherweise versteckte sich ihr Stiefbruder ja dort.

Sie war gerade dabei, das Labor zu passieren, als ihr etwas Seltsames auf dem Boden im Eingangsbereich auffiel.

Ein Tier vielleicht?

Es regte sich nicht.

Ist es aus dem Labor entkommen und wurde von einem der Lastenbuckler angefahren?

Sie näherte sich vorsichtig. Ihre lebhafte Fantasie hatte ihr im Dämmerlicht einen Streich gespielt.

Als sie sich vorbeugte, erkannte sie endlich, was es war.


Hubert.


Sie atmete erleichtert aus, verdrehte die Augen; dann stutzte sie. Dragan und dieses kindische Stofftier waren unzertrennlich.


Es rödelte in ihrem Kopf.


Unmöglich, dass ihr Stiefbruder dieses Ding freiwillig hier liegen gelassen hatte. Was war passiert?

Sie hob das Plüschtier auf und wog es in der Hand.

Als der zweite Lastenbot plötzlich aus dem Labor schoss, zuckte die Teenagerin ungewollt zusammen; beinahe hatte sie das doofe Stofftier fallengelassen. Sie starrte dem Blecheimer nach, der an ihr vorbeigesaust war und sich nun an den Kisten bei der Überdachung zu schaffen machte.

Unterdessen tuckerte sein Kollege vollgepackt mit Boxen zurück zum Labor. Als die Schiebetür wieder zur Seite glitt, um ihn einzulassen, da …

Olga lauschte genauer hin. Ihr nerviger Bruder war doch nicht etwa …

DOCH!

Das war eindeutig Dragans Stimme!

Wie war er da reingekommen?!

Wut kochte in ihr auf. Dass die Tür sich wieder zugeschoben hatte, würde sie nicht aufhalten. Sie stampfte zum Freigabepanel, hielt ihren Transmitter davor und tippte den Sicherheitscode ein.

Dieser Schwachmat würde schon sehen, was er davon hatte, das Labor ihres Vaters ohne Erlaubnis zu betreten!

Sie schlüpfte verstohlen hinein. Das geschäftige Treiben des Buckies, der gerade die Regale einräumte, kaschierte ihre Schritte.

Was trieb ihr kleiner Bruder hier überhaupt?

Es überraschte sie kaum, dass er bis jetzt weder irgendetwas kaputt gemacht noch anderweitig Chaos angerichtet hatte.

Er war so langweilig wie immer.

Wie er da vor dem Regal mit den Versuchstieren hockte und Selbstgespräche führte.

Lächerlich.

Der Dummkopf bekam nicht einmal mit, dass sich das Licht im Labor verändert hatte.

Sie schlich an dem Shée-Bereich vorbei, wo sie und ihr Vater erst vor wenigen Tagen gearbeitet hatten. Die Kreatur war hinter einem schweren Vorhang verborgen.


Nutzloses Ding.


Siechte dahin, ohne die geringste Anstrengung, sich zu befreien. Schwach.

Jämmerlich.


Verdient.


Da kam der Jugendlichen eine Idee.


Sie würde Dragan sagen, dass sie sein dämliches Stofftier an das Shée verfüttern will. Das würde ihn bestimmt ganz schön aufregen!

Ein giftiges Lächeln huschte über ihre Lippen.

Ihr Stiefbruder hatte ihre Anwesenheit immer noch nicht bemerkt – dabei stand sie bereits direkt hinter ihm.

 

„Na, wen haben wir denn hier?“, höhnte sie.

Dragan zuckte erschrocken zusammen und wand sich hektisch um.

„O-Olga?!“

„Guck, den hast Du verloren“, sie reichte ihm das Plüschtier und entschied, ihn vorerst in Sicherheit zu wiegen.

„Hubert!“, Dragan klang überrascht; nahm das Stoffie entgegen und verbeugte sich dankbar.

Seine Schwester sah mit geheucheltem Interesse an dem Fünfjährigen vorbei: „Was schaust' Dir da an?“

„Chichi“, erwiderte der Junge aufgeregt: „Chichi ist hier!“

Als der Welpe die Jugendliche erblickte, wich er in den hinteren Teil seines Geheges zurück.

„Du hast Recht, das ist ja wirklich Chichi!“, Olga schürzte ihre Lippen: „Blöd, dass sie hinter diesem dicken Panzerglas sitzt …“ Sie genoss den traurigen Ausdruck in Dragans Gesicht. „Hey, aber warte mal! Ich kann die Schauboxen ja öffnen! Magst Du Chichi vielleicht streicheln?“

Dragan jubelte ein enthusiastisches „Ja“ heraus. Er zappelte regelrecht vor Aufregung.

„Dann mach Platz, damit ich die Box öffnen kann.“

Wenn man wusste, wie der Verschlussmechanismus zu bedienen war, war es ganz einfach den Behälter zu öffnen. Doch selbstverständlich war ihr kleiner Bruder zu dumm, um zu raffen, wie's funktionierte.

Mit ein paar einfachen Handgriffen hatte sie den Riegel entsperrt, zögerte aber, bevor sie die Klappe aufmachte.

Mit Sicherheit würde ihr Vater nichts dagegen haben, wenn sie ihrem Bruder eine Lektion erteilte? Das hieß, solange sie die Ordnung im Labor nicht durcheinanderbrachte? Vielleicht würde ihr Vater sie sogar dafür loben, wie sie Dragan in seine Schranken wies? Schließlich hatte er hier nichts zu suchen. Aber was ist, wenn Vater doch wütend werden würde? Würde sie dann ihren Zugang zum Labor verlieren?


Ach, was.


Eigentlich musste er gar nicht erst von dieser kleinen Aktion erfahren. Sie würde Dragan nur einen Schrecken einjagen, damit er weiß, was ihm blüht, sollte er es noch einmal wagen, ungefragt ins Labor einzudringen.

Besser noch. Sie würde ihm so viel Angst machen, dass er sich nicht mal mehr trauen würde, seiner blöden Mutter davon zu petzen!


Sie öffnete die Behältertür.


Man hörte das Kratzen stumpfer Krallen über den Boden des Containers. Er war eng; es gab kein Entkommen. Olga zog den unruhig winselnden Sumpfdoggenwelpen heraus.


Das Vieh war in den letzten Wochen ganz schön gewachsen.


Dragan entwich ein entzücktes Quieken und er streckte seine Hand nach der Sumpfdoggen aus. Entgegen seinen Erwartungen, allerdings, wich seine Schwester prompt zurück.

„Warte!“, zischte sie und drückte den Welpen fest an sich: „Chichi ist noch ganz aufgeregt. Du willst doch nicht, dass sie Dir aus Angst in die Finger beißt, oder?“

„Ähm … nein, das will ich nicht.“ Der Fünfjährige zog seine Hand langsam wieder zurück. „Geht es Chichi nicht gut? Sie klingt so … traurig.“

„Traurig?“, Olga hob eine Augenbraue und senkte ihre Stimme: „Das ist keine Traurigkeit, Du Pustochol. Chichi wird langsam … gefährlich!“

Dragans Augen weiteten sich.

„Gefährlich?“

„Ja“, bestätigte Olga, ihre Stimme jetzt honigsüß, aber mit einem Hauch von Bedrohung. „Du hast sie verwirrt, als Du hier unerlaubt reingekommen bist. Sie spürt, dass Du hier nicht sein darfst.“

„A-aber …“, stammelte er und sah verzweifelt zu dem jaulenden Welpen. „D-das wollte ich nicht…!“

Die Mani seufzte theatralisch.

„Vielleicht war das doch keine so gute Idee, Chichi aus ihrem Behälter rauszuholen … Du hast ja keine Ahnung, wie fies sie zuschnappen kann, wenn sie gestresst ist! Wenn man nicht aufpasst, ist Deine Hand mit einem Biss weg!“

Dragan war zwar gerade mal fünf, aber so blöd nun auch wieder nicht. Und, ja, die Worte seiner Schwester machten ihm zwar Angst, aber irgendwo in seinem kindlichen Gehirn kaufte er Olga das Theater nicht vollends ab.

„Ich glaube nicht, dass Chichi so gemein ist. Sie ist doch viel zu klein. Bestimmt kann sie keine Hand abbeißen“, widersprach er.

Ihr dummer Bruder war noch nicht überzeugt?

Er würde sich noch wundern!

Sie verstärkte ihren Griff um den Welpen, streckte es Dragan ins Gesicht und begann, das Tier zu schütteln, so dass es plötzlich sonderbare, japsende Laute von sich gab.

„Schau Dir diese Zähne an, Dragan! Mit diesem gemeinen Biest ist nicht zu spaßen!“

Der gestresste Welpe hielt es nicht länger aus und schnappte unbeholfen um sich. Doch so wild seine Bissversuche auch wirkten – gegen das Mani-Mädchen konnte er nichts ausrichten. Das Gezappel kam Olga gerade recht.

„Oh nein! Chichi hat mich gebissen!“, stieß sie aufgeregt aus: „Sie weiß jetzt, wie Manii-Fleisch schmeckt! Das bedeutet, wenn sie mal groß ist, wird sie gefährlich und unberechenbar!“

Sie wandte sich ab und lief zum vorderen Bereich des Labors.

Ihr Stiefbruder folgte ihr irritiert: „Was ist los? Was machst Du?“

„Du weißt nicht, was wir mit gefährlichen Versuchstieren machen? Wir verfüttern sie an Papas Monsterpflanze!“

Das war zu viel für die Nerven des Jungen, also brach er in Tränen aus.

„Nein! Du darfst Chichi nicht an Papas Monsterpflanze verfüttern!“, heulte er entsetzt auf: „Chichi ist doch lieb!“

Er zerrte verzweifelt an Olgas Arm.

“Tja, darüber hättest Du nachdenken sollen, bevor Du unerlaubt in das Labor geschlichen bist! Und jetzt bist Du schuld daran, dass Chichi zu Shée-Futter wird!“

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