Kapitel 6: Kinderspiel

Your song still needs a chorus
I know you’ll figure it out
The rising of the verses
A change of key will let you out

~ David Byrne und Brian Eno (Strange overtones)


Als es dämmerte, spielte Dragan immer noch unter der alten Flammenakazie. Der knorrige, dickstämmige Baum hatte bereits hier gestanden, lange bevor das Anwesen auf dem Plateau errichtet worden war.

Um die Akazie herum wuchsen weitere, weniger beeindruckende Wüstenpflanzen und bildeten ein üppiges, stellenweise undurchdringliches Gewirr aus Büschen und Gräsern. Ihr Blau erstreckte sich bis zur steilen Felswand, die vom Plateau aus in höhere Gebirgsregionen emporstieg.

Auf einem der dickeren Äste entdeckte Dragan eine Zwergziege – sie hatte sich wohl wieder aus den unteren Bezirken hierher verirrt.

Nachdem sie sich ein paar silberblaue Blätter als Snack gegönnt hatte, machte sie einen Hüpfer und teleportierte sich mit einem kleinen Raumsprung dorthin, wo der Stamm sich aufgabelte.

Die größere Öffnung, die sich dort befand, hatte sie wohl neugierig gemacht. Sie rutschte mit ihren Vorderhufen vorsichtig an den Rand der Wundwulst heran, streckte den Kopf vor und schnupperte zum Hohlraum hin.


Erst geschah nichts.


Dann regte sich etwas im hohlen Baum und eine kleine Flugechse schoss fauchend und klickend aus der Öffnung. Die Ziege erschrak, verlor den Halt und kippte seitlich weg.

Noch bevor sie auf dem Boden aufschlagen konnte, löste sie sich in der Luft auf, nur um im nächsten Augenblick zwischen den höhergelegenen Zweigen aufzuploppen. Sie schüttelte sich unbeeindruckt und begann, sich das Fell zu putzen, als wäre nichts gewesen.

„Schau mal, was ich gefunden habe!“, hörte Dragan plötzlich die Stimme seiner Schwester hinter sich.

Er zuckte kurz zusammen und wandte sich um.

"Komm' doch mal näher", säuselte sie: „Ich hab hier was richtig Cooles!“

Der Fünfjährige trat an die Teenagerin heran. Gut gelaunt präsentierte sie ihm ihren Fund: "Der ist vor ein paar Minuten voll gegen die Glasscheibe geknallt und fast sofort steif geworden. Guck mal, der ist genau so ein Hohlkopf wie Du."

Dragan wich zurück.

Vor lauter Schreck hätte er beinahe Hubert fallenlassen.

Seine Schwester hielt ihm einen toten Smalozubchik entgegen.

Das Tierchen lag reglos in ihren Händen: Der Hals unnatürlich verdreht, die Augen fest geschlossen. Die orangenen Beinchen versteift, die Krallchen eingekrümmt. Die Flügel fest an den kleinen, blau gefiederten Körper gedrückt.


Der Anblick entsetzte ihn.

So sehr, dass ihm sogar die Tränen wegblieben.


„Was ist, Du Dummkopf? Hast Du etwa Angst vor einer winzigen Flugechse?“

„Bitte h-hör auf damit. L-lass mich in Ruhe.“

„Schau genau hin, Dragan. So sieht das Ende von allem aus. Einmal war es lebendig und schön, und jetzt ist es einfach nur tot.“

Sie drückte die Überreste des Smalozubchiks wie ein belangloses Stück Müll zusammen. Ihr Bruder meinte, die Knochen im kleinen Leib brechen zu hören.

Hatte die kleine Flugechse die Augen geöffnet? Zuckte sie etwa?


Er hielt es nicht länger aus.


„NEINEINEIN!“, schrie er schrill auf und stieß sich an seiner Schwester vorbei Richtung Anwesen.

„Wo willst Du hin, Du Feigling? Die Flugechse kann Dir nichts tun. Sie ist to-ho-t! Bist Du dumm oder so?“

Auf halbem Weg fiel Dragan hin und riss sich die verschorften Knie auf dem rauen Steinweg auf. Hubert hielt er immer noch fest umklammert; mit der linken Hand fing er den Sturz ab und verletzte sich dabei.

Sein Herz hämmerte so laut, dass es ihm in den Ohren dröhnte.

Er sprang wieder auf die Beine.

Der Weg zur Hintertür wirkte endlos. Wie in einem Alptraum schien sie mit jedem seiner Schritte bloß weiter wegzurücken.

Dann hatte er sie doch erreicht.

Normalerweise hätte sie längst auf seinen Transmitter reagiert, sich aufgeschoben und den Weg freigegeben. Doch diesmal öffnete sie sich nur einen schmalen Spalt und stoppte abrupt.

„Warum gehst Du nicht auf?“, brüllte er sie an.

Der verzweifelte Versuch, durch den Spalt zu schlüpfen, scheiterte.


Indes ließ sich Olga Zeit.


Dragan hörte ihre langsamen Schritte; traute sich nicht, nach hinten zu sehen. Fürchtete, dass ein einziger Blick zurück sie unmittelbar hinter ihm manifestieren würde.

Also rüttelte er so lange an der Schiebetür, bis seine Anstrengungen belohnt wurden. Ein lautes Knirschen ertönte, dann glitt das Türpanel mit einem widerwilligen Ruck zur Seite und er stolperte ins Haus.

Sofort flammten die Leuchtstreifen an den Wänden auf und verdrängten die Dämmerung, die durch die Oberlichter in den Flur drang. Der Korridor wurde von einem dumpfen, warmen Licht durchflutet.


Dragan hörte Olgas spöttisches Lachen.

Panik kroch in ihm empor. Wo sollte er bloß hin?


Er folgte dem Gang tiefer in das Anwesen hinein. Stolperte beinahe über einen Servicebot, der gerade dabei war, die Flure zu polieren.


War seine Mutter schon zurück?


Auf der Zielgeraden zu Tianas und Iohaans Arbeitszimmer kreuzte Dorian seinen Weg.

„Was treibst Du hier schon wieder, Du Hohlkopf?“, hatte er seinem Sohn genervt entgegengebrummt.

Nein, von seinem Vater konnte er keine Hilfe erwarten. Deshalb schlich er krumm gebückt an ihm vorbei und setzte seine Flucht fort.

Als er endlich das ersehnte Arbeitszimmer erreichte, hämmerte er wie wild an die Tür.

 


Doch dahinter regte sich nichts.


Er sah sich hektisch um. Sein Blick fiel auf die offene Abstellkammer. Sie gruselte ihn noch immer, aber die Angst vor seiner Schwester und dem toten Smalozubchik trieb ihn trotzdem hinein. Er drängte sich in die hinterste Ecke zwischen Wand und Regal, drückte Hubert ganz fest an sich und hielt den Atem an.

Das gedämpfte Licht aus dem Flur beleuchtete die Kammer kaum. Der Fünfjährige hoffte, seine Schwester würde ihn im Halbdunkeln nicht sehen.

Er wackelte nervös mit den Zehen und blickte zu den beiden Robotermädchen hinauf, die aufgeräumt in ihren Fassungen hingen.

Da schob die Tür sich automatisch zu und versenkte den Raum in völlige Schwärze.


So musste es sich anfühlen, immer hier zu sein. Dunkel und einsam.


Er würde den beiden später ein paar seiner Spielzeuge bringen. Xana sagte zwar, sie wären nicht lebendig, aber vielleicht waren sie es ja doch? Und vielleicht würden sie sich über die Sachen freuen.

Ausgelöst durch seine Schwester schob sich die Tür der Abstellkammer wieder auf.

„Oh, Draaagan! Wo bist Du? Dein kleiner gefiederter Freund möchte gerne mit Dir spiiiielen!“

Sie war nur wenige Meter entfernt. Trotzdem hatte sie ihn nicht bemerkt. Sein Blick fiel auf die gegenüberliegende Ecke.


Da war jemand.


Er zuckte zusammen, keuchte kaum hörbar, drückte sich fester an die Wand und vergrub erschrocken das Gesicht in seinem Stoffie.

Aus dem Flur fiel ein Schatten in die vollgestellte Kammer. Dragans Herz setzte einen Schlag aus.

Zu seinem Glück ertönte die Klingelanlage, und er hörte, wie Dorian Olga zu sich rief. Kurz darauf drang das tiefe Grollen des schweren Zulieferertors von draußen ins Innere des Anwesens.

Dragan löste sein Gesicht zögernd aus Huberts Fell. Ein feines Zittern ging durch ihn, als er unwillkürlich zur Seite gegenüber sah.

Erst jetzt wurde ihm klar, wer dort saß.


Xana.


Ihre unnatürliche Haltung und die weit aufgerissenen, ins Leere starrenden Augen ließen ihn erschaudern.

Die Tür der Abstellkammer fiel wieder ins Schloss.


Seine Gedanken rasten.


Warum war seine Nanny in der Abstellkammer? War sie kaputt? Normalerweise loggte sie sich in der Gästeküche aus; dann ruhte ihr Körper auf einem gemütlichen Sessel bis zu ihrem nächsten Login.


Aber hier?

„X-Xana?“, flüsterte er in die Dunkelheit.

Keine Antwort.


Er versuchte, seine Angst wegzuschieben. Seiner Nanny ging es bestimmt gut. Sie konnte sich doch in verschiedene Körper einloggen. Das hier … das war bloß eine Hülle.

Er spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Nein. Er musste hier raus.

Er könnte in den Konferenzraum flüchten. Dort gab es viele verborgene Winkel, in denen er sich gut verstecken konnte … Und zwei Ausgänge. Falls Olga ihn fand, hatte er immer noch eine Chance, zu entkommen.


Draußen war das Licht inzwischen ausgegangen, reagierte jedoch sofort auf seinen Transmitter und glomm sanft wieder auf, als der Fünfjährige sich aus der Abstellkammer wieder in den Flur traute.

Er lauschte.


Stille.

Abgesehen von dem emsig rödelnden Servicebot.


Dragan wusste, dass er nur einen kurzen Sprint brauchte, um die Gästeküche zu erreichen. Von dort aus ging es direkt in den Konferenzraum. Allerdings knickte der Hauptflur nach links ab, wo Olga möglicherweise bereits auf ihn lauerte.

Trotzdem sammelte er all seinen Mut und bog entschlossen um die Ecke.


Er hatte Pech.

Genau in dem Moment, als er die Küchentür öffnen wollte, traten Olga und Dorian durch die Seitentür wieder ins Hausinnere.

Olga begriff sofort und zögerte nicht, ihre Begeisterung über diese glückliche Fügung zu verkünden.

„Ach, da bist Du ja, kleiner Bruder! Ich habe die Flugechse sicher für Dich aufbewahrt! Sie möchte doch sooo gerne Deine Freundin sein! Komm’ schon, willst Du sie etwa enttäuschen?“

Wie von einer Sandtarantel gestochen, machte Dragan eine Kehrtwende und rannte Hals über Kopf zurück zur Hintertür.


Warum war Olga nur so gemein zu ihm?

Warum ließ sie ihn nicht einfach in Ruhe?


An der Tür angekommen, die sich zuvor zu öffnen weigerte, hielt er kurz inne. Waren da etwa Teile seines Proto-Pals in der Führungsschiene eingeklemmt?

Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit. Im nächsten Moment war er wieder im Garten.

Anghiran hatte bereits seinen tiefsten Punkt für die kommenden Tage erreicht. Der grünlich-violette Himmel hing wie eine schwere Decke über Dragans Kopf.

Der Fünfjährige umrundete das Anwesen.

Der Weg vor ihm lag in tiefen Schatten.

Gegenüber der Hausfassade reflektierten die dreieckigen Paneele der Treibhauskuppel das diffuse, grünliche Leuchten des Gasgiganten.

Licht und Dunkelheit verschmolzen hier zu einer gespenstischen Einheit.

Der Junge blickte misstrauisch über seine Schulter. Wo steckte seine Schwester? War sie ihm nicht gefolgt?

Bestimmt lauerte sie immer noch irgendwo im Haus.

Für den Moment fühlte es sich hier draußen sicherer an. Also lief er weiter. Vielleicht fand sich auf der anderen Seite des Treibhauses ein sicheres Versteck.

Die überdachte Verteilstation seitlich vom Zulieferer-Tor rückte in sein Blickfeld. Zwei Lastenbots waren gerade dabei, neu gelieferte Güter ins Labor zu schaffen.

„Sieh mal, Hubert“, flüsterte Dragan seinem plüschigen Vertrauten zu: „So viele Kisten. Was da wohl alles drin ist?“

Eine Weile beobachtete er ganz vertieft das Treiben: Sobald sich ein Schlepp-Bot dem Eingang näherte, glitt die Tür zur Seite – kaum war er hindurch, schloss sie sich wieder.

Plötzlich drang ein hohes, klagendes Jaulen aus dem Innern des Labors nach draußen.


Was war das?


Von der Neugier gepackt wagte sich der Fünfjährige zum Laboreingang vor und presste sein Ohr gegen die kühle Metalltür.

Natürlich dachte er nicht daran, dass die Tür sich bei dem regen Betrieb jederzeit wieder öffnen könnte: Wie von seinem Vater bereits vermutet, besaß er keinerlei Weitsicht.

Das glatte Metall unter seinem Ohr zitterte und verschwand so abrupt, dass es ein brennendes Gefühl in seinem Gesicht hinterließ.

Der Junge – völlig überrumpelt – stolperte ein paar Schritte hinein und fiel dann unbeholfen in den Eingangsbereich des Labors.

 


So konnte man sich natürlich auch unbefugt Zutritt verschaffen …


Vor lauter Aufregung war ihm Hubert aus der Hand geglitten, verhedderte sich in den Rädern des hinausschießenden Bots und wurde hinausgeschleift.

Dragan, der noch benommen am Boden lag, hatte davon nichts mitbekommen. Erst das dumpfe Schließen der Tür hinter ihm ließ ihn schlagartig wieder zu Verstand kommen:


Er durfte gar nicht hier sein!

Sein Vater würde vor Wut explodieren!


Doch noch bevor dieser Gedanke ihn vollends ergriff, vernahm er wieder das klagende Jaulen.

Sein Blick irrte durch den Raum. Vor ihm erhob sich ein Regal mit transparenten, dumpf beleuchteten Zellen, in denen sonderbare Lebewesen saßen.

In einer davon, mittig im unteren Drittel des Regals, winselte …

„Chichi …!“


Der Fünfjährige rappelte sich hoch und näherte sich den Behältern.

Das Licht im Labor folgte ihm, die Lampen leuchteten automatisch die Bereiche aus, durch die er sich bewegte, während der Rest des Raumes ins Halbdunkel gehüllt blieb.

„Hey, Chichi“, flüsterte er, als er endlich vor der Zelle der kleinen Sumpfdogge kniete.

Er war überrascht, wie viel größer sie inzwischen geworden war. Vor gerade einmal ein paar Wochen war sie noch ganz klein gewesen.

Er drückte seine Hand vorsichtig auf das Glas.

Der Welpe fiepte und kam ein Stückchen näher; schnupperte neugierig durch die runden Löcher in der Scheibe.

Dragan atmete durch.

Vergessen waren Olga, der tote Smalozubchik, die Angst.

Jetzt zählte nur noch Chichi.


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