Kapitel 8: Das Shée

Dorian besah sich Xanas synthetischen Körper, der – unnatürlich zusammengedrängt — auf einem kleinen Hocker kauerte. Wenn sie nur alle seine Befehle so diskussionslos ausführte …

Die Narbe auf ihrem linken Arm war ein Ärgernis. Hässlich anzusehen – unpassend für eine saubere Präsentation nach außen. Das Reparaturkit würde er ihr vom Gehalt abziehen.


Ein leises Grummeln entwich ihm.


Wenn es nach ihm ginge, hätte er sich die Nanny gespart. Tiana überwachte ihren Sohn ohnehin lückenlos über die Audiodots und Di2Bs.

Aus seiner Sicht mehr als ausreichend.

 

Aber nein! Es musste ja jemand physisch bei dem verzogenen Pustochol sein. Als würde nicht jeder billige Haushaltsroboter ausreichen, um auf einen kleinen Idioten aufzupassen.

Die Kinderschutzbehörde sah das selbstverständlich anders, aber was verstanden irgendwelche Beamten schon von Familie und Kindererziehung?


Er verdrehte die Augen.


... Und natürlich hatte seine Gattin sich ausgerechnet für eine KI als Ersatz für Willards billige Arbeitskraft entschieden. Ohne Anfahrtszeiten; im Notfall sofort zur Stelle. Und dafür durfte er nicht nur signifikant mehr zahlen, sondern auch noch eine stationäre Hülle anschaffen.

Auch die Agenturen hatten unterschiedliche Hüllen im Angebot: bei Vertragsbeginn angeliefert, zum Vertragsende wieder aus dem Anwesen entfernt.

Aber hier ging es um Geheimhaltung und wenn dieses codespuckende Wannabe13 eh schon den vollen Zutritt zu den Privaträumen hatte, dann zu seinen Bedingungen – und in einem Körpermodell, das er kontrollierte.


„Wird langsam Zeit, dass Du die Tür richten lässt“, begrüßte Tiana ihn trocken.

Sie war gerade erst eingetroffen.


Er wandte sich angenervt um. Sein Blick streifte über sie hinweg und blieb kurz an ihrem Sekretär hängen, der sich gerade an ihr vorbeischob.

„Ah, hab ich's doch richtig gerochen …! Stinkt nach einem Menschen! Nur eure Rasse kann so viel schwitzen!“, rief er dem Afrikaner nach, der bereits wieder aus seinem Sichtfeld verschwunden war.

„Arbeitsschweiß“, kam Iohaans Stimme hinter der Ecke zurück: „Würde Dir auch gut stehen.“


Kurz hörte man, wie sich die Tür zu Tianas Arbeitszimmer auf- und wieder zuschob.


„Was tut er schon wieder hier?“, fuhr Dorian seine Partnerin an: „Wenn Dein Arbeitsäffchen kein Obdach hat, soll er sich an SaFiL14 wenden. Das hier ist keine Auffangstelle für Außenweltler-Schmarotzer.“

Die Hocherle ging nicht auf seine Abwertung ein.

„Was … macht Xana hier drin?“, wollte sie lieber wissen.

„Unsere Vertragspartner haben sich an ihrem Plastikkörper im Konferenzraum gestört. Um unseren Gästen diese … Unannehmlichkeit zu ersparen, wird sich Deine nutzlose Nanny künftig hier in der Abstellkammer ausloggen.“

„Die Vertragspartner sollen sich beschwert haben? Erzähl' keinen Mist. Dich geht doch niemand außer Dir selbst was an. Aber mir schon. Und Xana ist kein Ding, so kannst Du sie nicht behandeln.“

Ihr Ehegatte verzog verächtlich das Gesicht.

„Wieso? Ich behandle Dein aufgeblasenes Möchtegern doch angemessen. Sie klinkt sich genau dort aus, wo ihr Platz ist: zwischen dem Elektroschrott.“

„Da ist wohl eher Dein Platz, Du empathieloses Stück Dreck“, konterte Tiana bissig.

Ihr Göttergatte verstummte kurz, lachte dann aber auf.

„Kein Wunder, dass Dein Sohn nichts taugt. Mit Dir als Glucke und dieser schrottigen, sentimentalen KI KANN nur ein Versager aus ihm werden. Aber warum verschwende ich überhaupt meinen Atem? Du könntest Dein Balg nicht weniger verhätscheln, selbst wenn es Dich umbringen würde.“

Noch während er sprach, wurde Tiana bewusst, wie ruhig es im Anwesen war.

Kein Herumtollen.

Kein Gekreische.

Keine Tränen.


Die unnatürliche Stille ließ sie innehalten.

Wo steckten Dragan und Olga eigentlich?


Ein mulmiges Gefühl kam in ihr auf. Iohaan hatte zwar darauf bestanden, dass sie die „Gud Geyz“-App bei Dragan deaktiviert, aber sie hatte sich nicht darauf einlassen können.

Es fiel ihr ohnehin schon schwer genug, das Programm nicht mehr im Dauerbetrieb laufen zu lassen.

Sie sollte nicht... Vielleicht... Nur einen kurzen Blick reinwerfen. Das würde doch niemandem schaden.


Sie schnappte innerlich ein.


Was erlaubte sich ihr Sekretär überhaupt, ihr Erziehungsratschläge zu geben? Er selbst hatte keine Kinder!

Schon hatte sie ihren Polytasker in der Hand und die ‚Gud Geyz‘-App gestartet. Ohne zu zögern, aktivierte sie die Verbindung zu Dragans Di2Bs.

Dorian schielte auf ihren Screen.

„Stellst Du wieder Deinem nichtsnutzigen Sohn nach? Soll ich vielleicht in Auftrag geben, dass wir alles hier in Watte packen, damit Dein kleiner Schatz sich beim Herumlaufen keinen Windstoß einholt?“

Tianas Augen blitzten wütend auf.

„Wenn Du tatsächlich irgendwas in Ordnung bringen willst, solltest Du mal Deine perfekte Tochter in Watte wickeln. Sie hat Dragan ins Labor geschleust und macht sich gerade an Deinen kostbaren Versuchssubjekten zu schaffen.“



Die Lastenbots hatten ihre Aufgabe erledigt und sich auf ihre Ladestationen in der hinteren Laborecke zurückgezogen.

Ein sonderbares, beinahe gleichgültiges Grundrauschen durchsetzte das Labor. Darüber legten sich Olgas hastige Schritte und Dragans Betteln und Flehen.

Der Fünfjährige folgte der Teenagerin. Schniefend, die Augen voller Tränen. Er traute sich nicht, an ihrem Arm zu ziehen, um Chichi zu befreien. Er wollte den Welpen nicht verletzen.

Beinahe wäre er mit seiner Schwester kollidiert, als sie abrupt vor einem hellen Vorhang stehenblieb, der in eine kreisrunde Deckenschiene eingespannt war und knapp bis zum Boden reichte. Sie zog den schweren Stoff mit einem Ruck beiseite.

Die Beleuchtung in diesem Bereich schaltete sich nicht automatisch ein, und das gedämpfte Licht der Umgebung reichte kaum aus, um die freigelegte, dunkle Kreatur vernünftig auszuleuchten. Klar zu erkennen war zunächst nur ein dezent strahlendes, violettes Auge. Es bewegte sich schaukelnd auf und ab, schien sich aber nicht für die beiden Kinder zu interessieren.

Als Olga einen Schalter betätigte, flutete helles, weißes Licht das Shée-Gehege und brachte die von schwarzer, lederner Haut überzogene Monstrosität vollends zum Vorschein. Der stumpfähnliche Körper war teils vernarbt und von faserigen Strängen durchzogen. An einigen Stellen ragten stachelige Dornen hervor.


Nein, keine Dornen.

Krallen.

Gelegentlich zuckte die eine oder andere.


Hier und da erkannte Dragan kleine Mäuler. Einige davon hatten spitze, raubtierähnliche Zähne, andere sahen eher nagerhaft aus.


Alles an dieser Kreatur war falsch.

Asymmetrisch.

Asynchron.


Der Junge schluckte verängstigt. Die Tränen versiegten. Sein Mund war auf einmal ganz trocken.


Olga seufzte mitleidvoll und bemusterte die Sumpfdogge mit aufgesetzter Traurigkeit.

„Schade um Dich, kleines Ding. Wäre mein beschränkter Bruder nicht hier reingeschlichen, würdest Du immer noch in Deiner Box dösen und von einem langen, glücklichen Leben träumen. Stattdessen wirst Du jetzt im Shée-Bauch enden. Das ist aber auch ein blöder, unnötiger Tod.“

Sie schnalzte mit der Zunge. Im Augenwinkel beobachtete sie mit Genugtuung Dragans Reaktion.

„Ich … Ich wollte doch gar nicht hier rein! Es tut mir leid!“, beteuerte er verängstigt: „Bitte, setz Chichi zurück! Sie ist doch nur ein Baby! Bitte, Olga, sie ist doch ganz lieb!“


Er schnappte nach Luft.

Seine Schuld.

Das war alles seine Schuld.


Das Flehen ihres Bruders stachelte die Vierzehnjährige bloß mehr an. Ihre Augen funkelten, als sie den fiependen Welpen wie ein zeremonielles Opfer dem Shée darbot. Dragan sah, wie das violette Auge sich Richtung Chichi orientierte.


Die faserigen Stränge und Nagetierbeine zuckten erregt und richteten sich auf, als stünde die Kreatur plötzlich unter Strom. Die zahlreichen Mäuler öffneten sich, eine Beule trat unter der schwarzen Haut hervor, wanderte in Olgas Richtung und wölbte sich vor Chichi. Dann begann das umliegende Gewebe, Schicht um Schicht zurückzuweichen, bis eine unscheinbare Knospe freilag.

Sie räkelte sich auf einem dicken Strang weiter aus dem Shée-Körper heraus und brach langsam auf.

Erst spreizten sich ihre langen, filigranen Außenblätter: so anmutig, dass man es kaum in Worte fassen konnte. Dann entfaltete sich ein Kranz nach dem anderen. Die äußeren Schichten waren noch ein silbriges Grau, doch je weiter sich die Blüte öffnete, desto heller wurde ihr Inneres.


Die Schönheit dieses Anblicks ließ Dragan für einen Moment innehalten. Er vergaß völlig, was auf dem Spiel stand.

Mit jedem weiteren Ring wurde die Struktur dichter; voller. Die anfängliche Sanftheit wich einem brodelnden Strudel aus Weiß, in dessen Mitte sich die Blätter schroff aneinander drängten.


Eine ewige Blüte.

Dann kam die erschreckende Erkenntnis.


Der hypnotische Wirbel war ein gieriger Schlund, und die schneeweißen Blätter: scharfe, spitze Zähne.


Endlich griff Dragans Überlebensinstinkt.


Er klemmte Hubert unter die Achsel, packte Olga und versuchte verzweifelt, sie wegzuziehen. Sein plötzlicher, energischer Ruck riss die Teenagerin tatsächlich ein Stück von der Kreatur fort.

Der panische Aufschrei ihres kleinen Bruders schrillte in ihren Ohren.


Unglaublich! Was fiel diesem Pustochol ein?


„Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist?“ fauchte sie zornig: „Lass mich SOFORT los, Du Idiot!“

Sie hatte das perfekte Drama inszeniert, damit Dragan endlich den Respekt – oder besser: die Angst – zeigte, die sie erwartete. Doch anstatt davonzurennen oder sie weiterhin um Gnade anzuwinseln, wagte es dieser Zwerg, sich ihr zu widersetzen?!

Mit seinem dreisten Eingreifen hatte er sie komplett aus dem Konzept gebracht. Er beraubte sie der Möglichkeit, sich gnädig zu zeigen und die Situation zu ihren Konditionen zu beenden. Der kurze Kontrollverlust brannte wie eine schallende Ohrfeige auf ihren Wangen.

„Weißt Du überhaupt, mit wem Du Dich hier anlegst? DU hast mir NICHTS zu melden!“

Sie schob den Welpen erneut vor das Shée.


Soll das Mistvieh diesem dämlichen Unkraut im Halse steckenbleiben!


Dragans hatte wieder Olgas Arm ergriffen und zerrte daran. In ihrer Rage riss sich seine Schwester schwungvoll los, taumelte ein Stückchen nach vorn – und in einem unachtsamen Moment berührte ihr Handrücken die Haut der Kreatur.


Erst spürte sie nichts.


Dann bemerkte sie ein leichtes Ziehen an ihrer Hand. Etwas Weiches schlang sich daran empor. Zu ihrer Überraschung schlug die anfänglich sanfte Berührung abrupt in einen festen, unangenehmen Druck um, der sehr bald in einen stechenden Schmerz überging.

Jetzt erst hatte sie begriffen, was vor sich ging, und eine panische Angst überkam sie. Ein heißer Schwall von Adrenalin durchflutete ihren Körper und brachte ihren Puls zum Rasen.

Sie schrie auf, aber es war schon zu spät.

Sie konnte sich nicht mehr losreißen – das Shée hatte bereits einen Teil ihres Unterarms fest umschlungen.

Vor Schreck ließ die Vierzehnjährige den Welpen los. Dieser landete auf den Fliesen, rappelte sich jaulend auf und stolperte rückwärts; die Ohren angelegt, den Schwanz furchtsam eingezogen.


Wo verstecken? Dort. Eine dunkle Stelle unter dem Tisch.


Die Pfoten fanden auf den Kacheln kaum Halt. Das Tier kippte mit der Schnauze Richtung Boden. Ein hektisches Kratzen ertönte, als die Krallen über die glatte Oberfläche schlitterten, dann raffte es sich mit einem Ruck auf und rettete sich mit unbeholfenen, schlingernden Bewegungen unter die Arbeitsplatte.

Als Dragan sah, wie die Jungdogge auf dem Boden aufschlug und sich panisch verkroch, blendete er seine Umgebung fast vollständig aus. Seine Schwester, die schwarze Kreatur – plötzlich war alles bedeutungslos. Selbst seine Angst.


Nur Chichi zählte.


Der Sechsjährige stolperte an seiner Stiefschwester vorbei, die sich keuchend aus dem immer enger werdenden Griff des Shée zu befreien versuchte, fiel auf die Knie und schob sich unter den Tisch zu dem verängstigten Welpen.

Wie schlecht musste es Chichi gehen? Sie war völlig zusammengekauert und zitterte am ganzen Körper. Als sie mitbekam, dass Dragan auf allen Vieren auf sie zusteuerte, drängte sie sich winselnd in die Ecke.

„Hey ... hey, Chichi … es ist alles gut“, versuchte der Junge das Tier zu beruhigen, während sein Herz gegen seine Rippen hämmerte. Er streckte die Hand aus, um den Welpen zu streicheln, spürte aber, wie ihm die Kraft in den Fingern fehlte: „Es ist alles gut, ich bin bei Dir ... Ich mach nichts …“

Sein Atem ging stoßweise. Seine leisen, bebenden Worte vermischten sich mit Olgas zunehmend dumpfer werdenden Schreien.

13 Wannabe (Möchtegern)
Abwertende Bezeichnung für KI-Entitäten, besonders für solche mit Emotionsmodulen oder manimorphen Arbeitskörpern. Unterstellt künstlichen Intelligenzen, lediglich „so tun zu wollen“, als wären sie echte Lebewesen. Weitere beleidigende Begriffe sind unter anderem Fakebrain, Plastikhirn, Synthihirn, Denkattrappe oder Simbrain. Die Nutzung gilt in vielen Regionen Altatrans als diskriminierend, ist im Alltag jedoch weiterhin stark verbreitet.


14 SaFiL
Aufgeschlüsselt: Staatlich anerkannte Freistätte für interstellare Lebensformen. Organisation zur Unterbringung, Registrierung und Integration nichtfeindlicher außeraltatranischer Lebensformen. Unterstützt unter anderem gestrandete Zufallsspringer und Migranten bei der Wohnungs- und Arbeitssuche sowie bei rechtlicher Absicherung. Die Organisation entstand als politische Konsequenz aus der Ära der Raumverwerfung, in deren Verlauf Altatran mit massiver Migration, Gewalt und der Springerseuche konfrontiert wurde.

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