Kapitel 2: Zwänge

von Adroth Rian

Now I got my guard up
Can't let go
Don't mean to break the skin
I'm just sensitive

~ Mothica (Sensitive)


Am frühen Vormittag betrat Tiana die kleine Privatküche, die sich im hintersten Teil des Anwesens befand. Der Tisch war bereits gedeckt. In der Mitte stand eine große Schale mit kürzlich gedruckten Früchten – Sortenvielfalt inspiriert von den entferntesten Winkeln des Universums. Direkt daneben befand sich eine kleine Karaffe mit goldenem Zuckerrüben-Sirup. Drumherum, in zierliche Gläser abgefüllt, war eine reiche Auswahl an Marmeladen aufgereiht. Einige davon vom Markt, ein paar von Iohaan selbst zubereitet. Auf der Herdmatte, die der Afrikaner auf dem recht überschaubaren Küchentresen ausgerollt hatte, köchelte in einem kupfern-glänzenden Espressokännchen frisch gemahlener Kaffee. Daneben heizte eine gut geölte Pfanne vor. Iohaan war gerade dabei, flüssigen Teig glattzurühren.


„Perfektes Timing“, begrüßte er seine Chefin: „Der Kaffee ist soeben fertig geworden.“

Tiana nickte und schenkte sich und ihrem Chefsekretär etwas von dem Wachmacher ein.

„Wie kommt es, dass sogar Xana sich an den Ruhetagen freinimmt, aber Du bist einfach immer hier? Man könnte meinen, Du hättest keine eigene Bleibe“, lächelte sie und fügte ironisch hinzu: „Ich sollte Dir die Zugangsrechte zum Anwesen entziehen. Ich kann doch keinen Chefsekretär gebrauchen, der sich vor lauter Hausarbeit nicht mehr auf seinen eigentlichen Job konzentrieren kann.“

Iohaan zuckte die Schultern und goss eine volle Schöpfkelle Teig in die heiße Pfanne. Ein munteres Knistern und Zischen ertönte.

Wie so oft wunderte sich Tiana, mit welcher Leichtigkeit es Iohaan gelang, ein solch fabelhaftes Frühstück herbeizuzaubern.

Die Hocherle nahm Platz, lehnte sich zurück und hielt ihre Nase über dem Tassenrand. Die schokoladig-fruchtigen Röstaromen des Kaffees umschmeichelten ihre Geruchsknospen.

Sie kostete manierlich von dem bitteren Heißgetränk.

„Hm. Schmeckt heute anders“, bemerkte sie.

„Wildkaffee aus Äthiopien, importiert von der Erde – wurde erst gestern geliefert“, klärte Iohaan sie auf.

Sie gönnte sich einen weiteren Schluck der exotischen Kostbarkeit, stellte ihren Kaffee wieder ab und räkelte sich: „Jetzt spute Dich doch Mal mit den Pfannkuchen! Es duftet so gut, dass man den Hunger kaum noch aushalten kann. Wenn Du kein so guter Koch wärst, hätte ich mir längst was gedruckt.“

„Eile mit Weile“, entgegnete Iohaan unbeeindruckt.

Der Pfannkuchenstapel rechts neben der Herdmatte war bereits ein wenig angewachsen.

„Mhhah ... Also, ich an Deiner Stelle würde mich niemals mit so etwas herumplagen, wie manueller Essenszubereitung“, seufzte seine Chefin: „Ausgewogen ist der Fertigfraß aus der Lebensmittelkartusche ja allemal.“

Ihr Sekretär schüttelte milde lächelnd den Kopf, während er einen weiteren, gut gebräunten Pfannkuchen mit einem präzisen Luftschwung wendete.

„Schnell gedruckt, schlecht gespeist. Außerdem entspannt mich Kochen, das weißt Du ja. Den Fertiggerichten aus dem Molekular-Drucker fehlt einfach ... das gewisse Etwas.“

„Aber jetzt mal ehrlich, Iohaan. Objektiv betrachtet ist handgemachtes Essen absoluter Kokolores. Die meisten Komponenten, die man zum Kochen benötigt, werden sowieso gedruckt. Die wenigsten Zutaten könnten legal auf dem Markt gekauft werden und die meisten dieser Zutaten sind für den Durchschnittsverdiener sowieso unbezahlbar.“

Ein weiterer, perfekt ausgebackenen Pfannkuchen glitt auf den Stapel.

„Die gedruckten Grundzutaten sind ihren biologischen Vorlagen strukturell, geruchlich und geschmacklich sehr gut nachempfunden“, protestierte ihr Chefsekretär: „Damit kann man schon ganz gut arbeiten. Außerdem geht es beim Kochen nicht bloß darum, wahllos Zeug in einem Topf zu erwärmen, um sich am Ende den Magen vollzuschlagen. Der Herstellungsprozess ist das, was wirklich zählt.“

„Das mag für den Koch gelten, aber wohl kaum für seinen Gast. Just angenommen, das selbst gekochte Essen wird zu einem absoluten Desaster. Ist eine mittelmäßige Fertigspeise da nicht um Längen besser, als eine verkorkste Kreativmahlzeit?“, gluckste Tiana vergnügt auf.

Der Erdling seufzte amüsiert und drapierte einen heißen Pfannkuchen auf ihrem Teller.

„Wie verkorkst das Essen schmeckt, kannst Du ja gern selbst beurteilen“, er warf einen Blick Richtung Kücheneingang: „Wo bleiben denn Olga und Dragan? ...“

„Tsssh … Wenn sie zu spät kommen, bleibt mehr für uns übrig“, stellte Tiana fest und griff nach der Erdfruchtmarmelade: „Aber diese Hoffnung müssen wir wohl fahren lassen“, ergänzte sie achselzuckend, als sich im Flur etwas regte.


„Fannkuchen!“, frohlockte Dragans piepsige Stimme, als er in die Küche stürmte und auf einen Stuhl neben Iohaan kletterte. Er hielt sein Stofftier mit dem Rüssel voraus über das bunte Frühstücksbuffet. Die kurzen Beinchen des Plüschies baumelten gefährlich nahe über einer Schale voll klebriger Marmelade.

„Gibt es Rübensirup? Hubert will auch Fannkuchen mit Rübensirup!“, deklarierte der Knabe.

„Ist Hubert denn so hungrig?“, versetzte Iohaan mit gespieltem Staunen.

„Ja, sehr hungrig!“

„Dann mach Mal ein bisschen Platz, damit Dein kleiner Freund mit am Tisch sitzen kann, ohne sein strubbeliges Fell schmutzig zu machen. Komm, ich helfe Dir.“

Im Handumdrehen hatten die beiden etwas Platz geschaffen, sodass Dragan Hubert neben seinem Teller drapieren konnte.

Gerade als Iohaan dabei war, dem Jungen ein kleines Schälchen für den flauschigen Frühstücksgast zu reichen, betrat Olga die Küche.


Die 14-jährige war keine sonderliche Frohnatur. Vielleicht lag es an den Genen, die ihr Vater so großzügig an sie vererbt hatte, oder vielleicht war Dorians mieser Charakter schlichtweg auf seine Tochter abgefärbt.


Vielleicht eine Kombination aus beidem.


Ganz gleich, ob sozial oder biologisch bedingt: die Hocherle hatte ihre liebe Not, Zugang zu ihrer Stieftochter zu finden. Nach – wie Tiana es empfand – unzähligen gescheiterten Versuchen, sich mit Olga auszusöhnen, hatte sie ihre Stieftochter innerlich aufgegeben. Den Frieden im Anwesen versuchte sie nun zu wahren, indem sie der Teenagerin mit verschärften Strenge und vorgetäuschter, passiv-aggressiver Heiterkeit begegnete.


Das klappte logischerweise nur bedingt. Um genau zu sein gar nicht.


„Sieht Mal an, wer auch endlich da ist!“, meinte die Hocherle in einem maliziös-scherzhaften Ton: „Setz Dich, Sonnenschein, wir haben noch nicht angefangen.“

Die aufgesetzte Lässigkeit ihrer Stiefmutter verstimmte Olga augenblicklich. Der unterschwellige Tenor, den Tiana ihr gegenüber immer wieder einschlug, empfand die 14-jährigen als abschätzig, gar feindselig.

„Ich esse lieber auf meinem Zimmer“, erwiderte die Jugendliche, ohne ihre Stiefmutter auch nur eines Blickes zu würdigen und hatte schon einen leeren Teller in der Hand.

„Du isst, wie alle anderen auch, am Küchentisch“, verfügte Tiana.

„Wieso? Papa ist doch auch nicht hier.“

„Dein Vater muss viel arbeiten, das weißt Du genau. Bist Du auch so schwer beschäftigt?“

„Vielleicht bin ich's ja, aber das geht Dich sowieso nichts an.“

Mit diesen Worten beförderte die Teenagerin eine beachtliche Menge Pfannkuchen auf ihre Platte.

„Du. Setzt Dich. Hin.“, bestimmte Tiana unwirsch: „Und lass was für andere übrig. Du bist hier nicht allein.“

Das Mädchen erstarrte für einen kurzen Moment und wägte ab, ob es sich der Situation stellen oder lieber ihrem Fluchtinstinkt nachgeben sollte. Es entschied, dessen Stiefmutter zu trotzen.

„Weißt Du was? Dann ess' ich halt gar nichts“, entgegnete Olga patzig, ließ ihren Teller auf die restlichen Pfannkuchen fallen und sah Tiana beharrsam an: „Fett werden kannst Du auch alleine.“

„Wie war das?"

Nun war Tianas Geduldsfaden gerissen. Sie erhob sich hektisch von ihrem Sitz und fixierte ihre Stieftochter mit einem durchdringenden Blick.

Olgas Stimme wurde lauter: "Als würde es Dich kümmern, dass ich mitesse! Für mich ist doch eh nie Platz – ich störe doch nur!"

„Wundert Dich das, so aggressiv wie Du immer bist? Setzt Dich. Sofort.“

Olgas Halbbruder war indes verunsichert. Der Sitz zwischen ihm und seiner Mutter war leer und als er die Tischplatte überflog, erschien es ihm, als sei genügend Platz vorhanden. Doch dann ging ihm ein Licht auf.

„Olga?“, machte der Knabe sich bemerkbar: „Ich kann Hubert woanders hinsetzen. Dann stört er Dich nicht. Du hast dann genug Platz.“

Seine Schwester blickte ihn perplex an.

„Boah, Dragan, es geht nicht immer nur um Dein blödes Stofftier.“

Für einen kurzen Augenblick rödelte es in Dragans Gehirn, dann hatte er das Gesagte endlich verarbeitet.

„Hubert ... i-ist nicht blöd!“, quäkte er.

„Ach, heul doch!“, erwiderte Olga knirrig.


Mit dem Ergebnis hätte sie eigentlich rechnen müssen. Ihr kleiner Bruder folgte präzise ihrer Aufforderung und brach in einem herzzerreißenden Geheule aus.


„War das jetzt wirklich nötig?“, fuhr Tiana ihre Stieftochter an.

„Was denn? Dragan heult doch wegen jedem Kleinscheiß!“, widersetzte sich die Teenagerin: „Kann ICH doch nix dafür!“

„I-ich h-heul n-nicht we-h...gen jeh...dem kh... khl...sch-scheiß!“, behauptete Dragan, während ihm dicke Tränen über die Backen strömten.

„Doch, tust Du!“, beharrte Olga.

Darauf wusste Dragan mit einem nur noch jammervolleren Gewimmer zu antworten.

„Würdest Du jetzt BITTE damit aufhören?“, Tiana funkelte ihre Stieftochter böse an: „Oder willst Du Dich unbedingt mit Deinem kleinen Bruder auf eine Stufe stellen? Du bist keine fünf mehr!“

„Und Du bist nicht meine Mutter, also ist er auch nicht mein richtiger Bruder!“, protestierte Olga: „So eine blöde, verweichlichte Heulsuse will ich sowieso nicht als Bruder haben!“


Als Dragan Olgas Worte vernahm, verstummte er abrupt und blickte seine Halbschwester entsetzt an. Obwohl alles im Innern des Jungen auf hemmungsloses Heulen eingestellt war, fürchtete er sich, auch nur eine weitere Träne zu verlieren. Wenn er müsste, würde er nie wieder weinen – nur damit seine Schwester ihn wieder lieb hatte.

„Endlich bist Du still“, brummte Olga: „Warum nicht gleich so?“

Dragans Gesicht war vor lauter Anstrengung ganz verzerrt. Er kaute an seiner Unterlippe und schluckte die sich anbahnenden Tränen mühsam herunter. Dann senkte er seinen Blick, führte seine Handflächen über seiner Stirn zusammen und rieb sie demütig gegeneinander1.

„Jetzt reicht es“, knurrte Tiana ihre Stieftochter an: „Dein Benehmen Deinem Bruder gegenüber ist inakzeptabel!“

„Warum? Er heult doch nicht mehr! Das wolltest Du doch!“

„Tch! Ganz wie der Vater! Immer schön die Tatsachen verdrehen!“

„Ach? Also, wenn Dragan heult ist das scheiße und wenn er nicht heult auch?! Und ich bin immer schuld an allem!“

Mit diesen Worten stürmte das Mädchen aus der Küche.

Die Hocherle wollte ihrer Stieftochter folgen, da sprach Iohaan ein Machtwort.

„Tiana, lass' sie.“

Obwohl ihr Chefsekretär ruhig sprach, wurde sie das Gefühl nicht los, dass er sie tadelte.

„Iohaan? Ist Olga sauer auch mich?“, fragte Dragan verhuscht.

Seine Stimme zitterte und die Tränen flossen wieder.

„Nein. Sie ist nicht sauer auf Dich“, versicherte ihm Iohaan und warf seiner Chefin einen strengen Blick zu: „Tiana, setzt Dich. Bitte.“

Innerlich kochte sie immer noch, aber sie hörte auf ihren Sekretär.

Unterdessen schmierte Iohaan ganz in Ruhe ein paar Pfannkuchen.

„Hier. Magst Du sie mit Deiner Schwester teilen? Sie hat bestimmt Hunger. Sicherlich findest Du sie auf ihrem Zimmer. Klopfe vorsichtig an.“

Dragan nickte, wischte sich schniefend die Tränen aus dem Gesicht, hüpfte vom Stuhl und nahm den gut bestückten Teller entgegen.

„Was zu trinken könnt ihr euch in der Gästeküche holen. Xana hat die Getränkekartusche erst vor ein paar Tagen ausgetauscht.“


Nur wenige Augenblicke später hörte man im Flur ein zaghaftes Klopfen und eine Tür glitt zur Seite. Getuschel und Gemurmel, dann wurde die Tür wieder geschlossen.


+.+.+


„Findest Du nicht, dass es Dir nicht zusteht, Dich in einen Konflikt zwischen mir und meiner Stieftochter einzumischen?“, zischte Tiana ihren Sekretär an, als sich wieder Stille über den Gang gelegt hatte: „Ihr Verhalten war mehr als nur unangemessen und nun wird sie dafür auch noch belohnt.“

„Ihr habt euch beide nicht mit Ruhm bekleckert. Allerdings ist Olga 14 und verhält sich ihrem Alter entsprechend, Du dagegen bist 41 und tust es nicht.“

„Dass sie 14 ist, kann nicht die Ausrede für alles sein“, erwiderte Tiana geladen.

„Ist das so? Und was ist Deine Ausrede dafür, dass Du sie so abweisend und von oben herab – wortwörtlich stiefmütterlich – behandelst? Selbst Deine Scherze können da nicht länger drüber hinwegtäuschen. Sogar mir als Außenstehendem stößt das mittlerweile extrem bitter auf. Was meinst Du, wie es einer 14-jährigen dabei ergeht?“

„Ich bitte Dich, Iohaan, Du überdramatisierst.“

„Ach, wirklich? Wann hast Du das letzte Mal unironischerweise auch nur ein gutes Wort über Olga verloren?“

Die Hocherle überlegte, schüttelte dann aber störrisch den Kopf.

„Ich fasse sie nicht mit Samthandschuhen an, solange sie sich nicht zu benehmen weiß.“

„Mit Samthandschuhen?“, staunte Iohaan: „Es ist doch ganz gleich, wie sehr Olga sich anstrengt. Selbst wenn sie sich ein Bein ausreißen würde, nur um Dir zu gefallen, würdest Du das mit meinem Laut würdigen.“

„Das stimmt nicht.“

„Gut, dann nenne mir ein aktuelles Beispiel, bei dem Du Olgas Versuche, Deinen Anforderungen gerecht zu werden, auch nur wahrgenommen hast.“

„Da gibt es nichts wahrzunehmen. Sie hat keinerlei Respekt vor mir und das zeigt sie mir jeden Tag in aller Deutlichkeit.“

„Hast Du in letzter Zeit wenigstens Mal versucht, auf sie einzugehen? Mit ihr über eure Diskrepanzen und Probleme zu reden? Und damit meine ich nicht, dass Du dabei die ganze Schuld bei ihr abgeladen, sie mit ihrem Vater verglichen und euer Streitgespräch damit beendet hast.“

„Das einzige Problem, das sie zu haben scheint, bin ja offenbar ich“, schnappte Tiana ein: „Und ich lasse mir doch von einer Teenagerin nicht vorwerfen, ich sei eine miserable Mutter!“

Iohaan warf resignierend die Hände in die Luft: „Tiana, das ist einfach nur noch traurig! Olgas Bemühungen, sich in diese Patchwork-Familie einzugliedern, werden von Dir vollkommen ignoriert. In ihrer Anwesenheit redest Du ständig schlecht von Dorian. Dann diese ständigen Vergleiche mit ihrem Vater, bei denen Du ausschließlich Dorians negative Eigenschaften betonst und auf Olga projizierst ...“

„Du weißt, was für ein Arschloch mein Gatte ist. Und der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm.“

„Mir fehlen die Worte. Merkst Du denn überhaupt nicht, wie kindisch das klingt?“


Die Hocherle verdrehte uneinsichtig die Augen.


„Dass viele Mütter und Väter ihre Lieblingskinder haben, das ist ja schon längst bekannt. Aber es ist unmöglich, wie sehr Du das raushängen lässt“, redete Iohaan weiter auf sie ein: „Ich verstehe, dass Dragan Dein leiblicher Sohn ist. Aber bei aller Liebe, Olga ist auch Deine Tochter.“

„Sie ist nicht ... Iohaan, ich bitte Dich. Was soll ich denn machen, wenn sie ständig so bockt? Ich bin nicht ihre Freundin, sondern ihre Erziehungsberechtigte. Sie muss lernen, wer hier das Sagen hat. Und es kann nun wirklich nicht so schwer sein, sich an ein paar Regeln zu halten.“

Iohaan rümpfte missbilligend seine Nase.

„Just wolltest Du doch sagen, dass Olga nicht Deine Tochter ist. Obliegt es Dir dann überhaupt, etwas von ihr zu erwarten; erst recht zu verlangen?“

„Du verdrehst mir die Worte in Mund.“


Iohaan seufzte betrübt.


„Wir haben dieses Gespräch schon zu oft geführt. Du kannst Olgas leibliche Mutter nicht ersetzen, aber es entbindet Dich nicht von der Verpflichtung, ihr eine gute Vizemutter zu sein.“

Tiana lachte spöttisch auf: „Ist das nicht komisch? Nun weiß ich wieder, warum ich Dir die Teilvormundschaft für meinen Sohn übertragen habe. Dein übermäßiges Pflichtgefühl ist kaum noch auszuhalten.“

Iohaan zog seine Augenbrauen zusammen: „Als Du mit Dorian den Partnervertrag eingegangen bist, hast Du Dich dazu bereit erklärt, alles mit ihm zu teilen. Wenn die Kinder aus anderen Bündnissen dazu gezwungen sind, sich der neuen Lebenssituation anzupassen, ist es wohl das Mindeste, dass sich der neue Lebenspartner um sie bemüht und sie bedingungslos annimmt – wie eigenes Fleisch und Blut.“

„Eigenes Fleisch und Blut?“, Tiana lachte boshaft auf: „Die Mühe kann ich mir doch sparen! Olga vergöttert Dorian. Aus ihr kann bloß ein überspitztes Ebenbild ihres Vaters werden. Eine weitere Egomanin, die dieser Planet nicht braucht. Ich habe es doch versucht, Iohaan! Wirklich versucht! Ich kann nicht gewinnen. Dann kann ich genauso gut aufgeben.“

„Du bist nicht fair zu ihr“, betonte der Afrikaner eindringlich.

„Das Leben ist nicht fair, Iohaan. Wenn ich das als Kind lernen konnte, kann sie das auch.“

„Bloß ... aus Dir ist ja was Vernünftiges geworden“, überlege ihr Chefsekretär: „Dass aus Olga etwas Gutes werden kann, sprichst Du ihr ab.“


Nun waren Tiana die Argumente ausgegangen.


„Du bist mein Sekretär, nicht mein privater Gesinnungsethiker“, wies sie Iohaan verstimmt zurecht.

„Wenn das so ist ...“, entgegnete dieser schulterzuckend, erhob sich und begann ohne Eile die Essensreste in den Lebensmittelverwerter zu befördern und die Geschirrspüle einzuräumen.

„Tut mir Leid, so habe ich das nicht gemeint“, entschuldigte sich seine Chefin.

„Ich weiß“, bestätigte ihr Chefsekretär.


Gerade als die Geschirrspüle zu rattern begann und Iohaan das letzte Glas Marmelade im Kühlschrank untergebracht hatte, stand Dragan plötzlich wieder in der Küche.

„Ich habe Hubert vergessen“, erklärte der Fünfjährige: „Hubert möchte die Weltenhüpfer mitschauen! Mama, darf ich den Panorama-Bildschirm benutzen?“

„Natürlich, heute finden ja keine Meetings im Gästesalon statt“, bestätigte seine Mutter.

Ihr Sohn hüpfte munter davon, während er seinem besten Freund aus Flausch fragend zumurmelte, ob er sich auch schon so auf die neue Folge der „Weltenhüpfer“ freue.


+.+.+


Olga war gerade in die Gästeküche rübergeschlendert, um sich was zu trinken zu holen, da sah sie ihren kleinen Bruder, wie er vor dem riesigen Bildschirm herumtanzte, Hubert hin und her schwang und aus voller Brust den Intro-Song der „Weltenhüpfer“ mitgröllte.(Den Song schreiben. Das wäre doch was. Vorschläge, lieber Lese?)

Die 14-jährigr zapfte sich ein kaltes Sprudelgetränk mit „Interstellar-Fruchtmix- Geschmack“ und gesellte sich verwundert zu ihrem Bruder.

„Was'n los? Sind Deine Kontaktlinsen kaputt oder sowas?“, fragte sie ihn spöttisch: „Oder findest Du Allroundview zu Mainstream?“

Der Bube schüttelte nachdrücklich den Kopf.

„Nein. Hubert möchte mitgucken, aber er hat keine Kontaktlinsen. Über den Bildschirm können wir die Serie zusammen schauen.“

„Boah, Dragan, Du bist manchmal schon ziemlich stumpf. Huber kann doch eh nix sehen.“

„Aber natürlich kann Hubert was sehen!“, empörte sich Dragan und hielt Olga sein Stofftier ins Gesicht: „Guck doch, hier! Er hat Augen, also kann er auch sehen!“

„Und woher weißt Du, dass er keine Kontaktlinsen trägt?“

„Das hat er mir gesagt“, behauptete der Junge: „Hubert mag keine Kontaktlinsen. Die brennen manchmal so in den Augen. Also hat er einfach keine.“

Olga beäugte ihren Stiefbruder skeptisch. Typisch. Nie rückte er mit der Sprache raus, wenn ihm was wehtat. Offenbar bereiteten ihm die temporären Di2B-Linsen2 gerade Probleme. Na ja, nicht schlimm. Der nächste Augentechniker-Besuch stand sowieso in Kürze an, und dass die vorübergehenden Linsen bei Kleinkindern gerne Mal Reizungen auslösten, was nichts Neues. Mit dem Einsatz der Dibbies für Ausgewachsene würde sich dieses Problem beheben. Ihre eigenen permanenten Kontaktlinsen hatte die Jugendlichen erst vor einem Zyklus eingesetzt bekommen. Auch bei ihr standen momentan regelmäßige Kontrollen an, bis ihre Augen die Fremdkörper vollständig angenommen hatten.

„Magst Du auch mitgucken?“, fragte ihr Bruder.

Sie überlegte, zuckte die Schultern und gesellte sich dazu.

Dass die Geschwister sich unterhalten hatte, war dem Entertainment-System nicht entgangen. Erst als die beiden es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatten, wurde das Abspielen der Folge fortgesetzt.

Die Nuklera namens Izzi – ein manimorphes3, kleinwüchsiges Wesen von dem Planeten Kusashnan4 und die Leiterin des Teams – ergriff das Wort.


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„Was genau hast Du geändert?“, fragte Iohaan, während er Tiana eine zweite Tasse Kaffee einschenke.

„Laut Vertrag MUSS Dorian Willard nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz bei Thorn Tervagard stellen und wenn der Junge keinen groben Mist baut, ist er faktisch unkündbar.“

Iohaan lachte hämisch auf: „Ich wette, das hat Dorian nicht so besonders gefallen.“

„Das hat ihm überhaupt nicht gefallen“, bestätigte Tiana ernst: „Allerdings belaufen sich Wills Chancen, innerhalb von 'Thorn Tervagard' beruflich aufzusteigen gegen null. Er wäre besser dran, das Unternehmen direkt nach seiner Ausbildung zu verlassen.“

„Schätzt Du seine Lage so schlecht ein?“

„Noch weitaus schlechter. Meine auf die schnelle durchgedrückten Vertragsveränderungen garantieren Willard einzig und allein seine Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis unter der Mutterfirma 'Thorn Tervagard'. Dabei hat er, anders als zuvor mit Markus abgesprochen, keinerlei Ansprüche auf die für ihn ursprünglich angedachte leitende Position innerhalb des Zma-Tochterunternehmens. Selbst wenn Will der vorbildlichste Angestellte ganz Altatrans wäre: Dorian wird sich davor hüten, den Burschen auch nur in die NÄHE einer leitenden Position zu lassen. Viel eher wird mein Gatte Will sogar in der alleruntersten und unbedeutendsten Arbeitsposition das Leben unerträglich schwer machen, nur um ihn rauszuegeln.“

„Du hast wahrscheinlich Recht“, überlegte ihr Chefsekretär: „So wie ich es sehe, zieht Dorian gerade dieselbe miese Tour mit 'ZmaMeds' durch, wie vor Jahren mit Deiner Firma.“

Tiana lehnte sich mit verschränkten Armen zurück: "Und das siehst Du absolut richtig. Markus ist so verblendet, dass er erst dann begreift, was mit seinem Familienunternehmen los ist, wenn es nicht länger existiert", sie hmpfte verbittert: „Immerhin war Markus nicht närrisch genug, einen privaten Partnervertrag mit Dorian einzugehen. Ich wette, mein Ehegatte hätte seinen Partnerantrag mit Kusshand genommen.“

Iohaan nickte: „Und Zmas Familienunternehmen gleich mit dazu.“

Tiana verzog ihre Mundwinkel: „Na ja, unterm Strich hat er ja doch wieder bekommen, was er wollte. Außer, dass er mir Markus dafür nicht in die Kiste hüpfen musste.“


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„Seid gegrüßt, künftige Weltenhüpfer! Heute werden wir wieder hunderte von Lichtjahren durch den Weltraum springen, um das Verhalten anderer Lebensformen zu erforschen!“, eröffnete die Nuklera: „Auf Altatran, das wisst ihr ja bereits, kann jeder, der hungrig ist, sich einfach was zu Essen ausdrucken. Dabei verwenden Lebemsmittel-Molekularkartuschen längst keine tierischen oder pflanzlichen Bestandteile mehr. Trotzdem sind in dem gedruckten Essen alle wichtigen Nährstoffe und Vitamine enthalten, die jeder einzelne von uns benötigt.“

Arda, ein Mani, der hauptsächlich als Comic Relief fungierte und sich einzig und allein vom gedruckten Keksen zu ernähren schien, schaltete sich mit ein: „Und dabei kann man vom Geschmack her alles ausdrucken, worauf man Lust hat!“

„Zu schade, dass Du diese Funktion noch nicht entdeckt hast“, triezte ihn Izzi. Im Hintergrund jaulte Chichi, Ardas Therapie-Kabban5.

„Auch in der altatranischen Wildnis ist es immer noch die Regel, dass Tiere und Pflanzen andere Lebewesen konsumieren müssen, um zu überleben. Chichi hier muss aber keine Tiere jagen, um satt zu werden.“

„Olga, was ist jagen?“, dem Jungen dämmerte etwas sehr unangenehmes.

Seine Stiefschwester überlegte kurz.

„Jagen, das ist wie Fangen spielen, nur ... wenn Dich der Fänger erwischt, dann tötet er Dich.“

„T-töten?“, entsetzte sich ihr kleiner Bruder: „Aber Töten ist sehr sehr schlimm!“

„Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler, weil wir Allesfresser sind und Pflanzen und Tiere essen müssen, um gesund zu bleiben.“

Dragan schluckte schwer: „I-ich will keine Tiere oder Pflanzen essen. Ich mag Tiere. Und Pflanzen sind hübsch.“

Seine Schwester lachte auf, als sie seinen entsetzten Gesichtsausdruck erblicke: „Du musst doch keine Tiere oder Pflanzen essen, Du Schwachkopf. Aber es gibt Planeten, wo Anwohner immer noch sammeln und jagen müssen, um genug zu Essen zu kriegen. Und Tiere auf Altatran müssen auch andere Tiere jagen und töten, sonst verhungern sie und sterben. Pflanzenfresser essen Pflanzen, und Fleischfresser essen Pflanzenfresser. Ist doch ganz einfach, oder?“

„Aber warum können die Tiere nicht bei uns in der Stadt leben? Dann müssen sie keine anderen Tiere essen“, fragte Dragan irritiert.

„Wilde Tiere können nicht so leben wie wir. Das wäre unnatürlich. Warum glaubst Du denn, dass es die ganzen Naturschutzgebiete gibt, häh?“

„Damit die Tiere Platz haben“, antwortete ihr kleiner Bruder.

„Ja, und glaubst Du, die haben da in den Steppen und Wäldern überall Essensdrucker herumstehen?“

„Haben sie nicht?“

„Natürlich nicht, Du Pustochol6“, erwiderte seine Schwester: „Wilde Tiere können doch keine Essensdrucker bedienen! Wenn Du einer wilden Chichi in der Wüste begegnen würdest, dann würde sie Dich jagen und fressen.“


Das klang einleuchtend. Und ganz furchtbar.


Dragans Unterlippe begann zu zittern. Sein Blick fiel auf die zuckersüße Kabban-Schnauze, die ihn in einer fließenden Idle-Animation vom Bildschirm herab ansah. Das Entertainment-System hatte die Serie angehalten, damit die Kinder das aufgeworfene Thema ungestört mit einander ausdiskutieren konnten.

„Und Chichi ist ein Fleischfresser?“

Seine Schwester nickte.

„Chichi würde mich fressen?“, Dragans Augen waren erst weit aufgerissen, nun hatten sie damit begonnen, sich ganz gefährlich zu verengen.

„Nein, ein wilder Kabban würde Dich fressen“, korrigierte ihn seine Schwester: „Chichi würde Dich erst fressen, wenn sie lange Zeit niemand füttert. Sie wurde ja dazu ausgebildet, nett und geduldig zu sein. Besonders zu so Nervsägen wie Dir.“

Der Schreck ihres keinen Bruder kippte in Frust.

„A-ah-ber ich will nicht, dass Chichi mich frisst!“, heulte er los.

„Ach Du meine Scheiße, Dragan. Hör auf zu heulen! Ich hab doch gesagt, dass Chichi Dich nicht fressen wird!“

Wenn ihre Stiefmutter das hörte, würde sie wieder einen Einlauf kassieren und sie hatte nicht schon wieder Bock auf Stress.

Sie sprang vom Sofa und gab ihrem Stiefbruder einen Ruck: „Hörst Du jetzt auf? Ich krieg' noch Ärger wegen Dir!“

Dragan wollte seiner Schwester doch keinen Ärger machen! Aber sie klang so wütend, dass er Angst bekam und sein Geheul sich dadurch nur noch verstärkte.

Schon stand auch Tiana mit einem wütenden Gesichtsausdruck im Nebeneingang zum Gästesalon. Für Olga war es wohl zu spät, ihren nervigen Bruder einfach stehen zu lassen und die Flucht zu ergreifen.


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„Ich habe mehr als nur einmal darüber nachgedacht, nur das Nötigste zusammenzupacken und mit Dragan zu verschwinden. Vielleicht zu den Östlichen Inseln – jedenfalls so weit weg wie möglich von diesem manipulativen Wichser. Aber glaubst Du, Dorian wird mich einfach gehenlassen? Ihm wird es nicht reichen, dass er mein Familienunternehmen zerstört, mein Erbe in den Schmutz gezogen und meine gesamte Verwandtschaft gegen mich aufgehetzt hat. Er wird dafür sorgen, dass ich mittellos bin und keine Fuß mehr in die Pharma-Industrie setzen kann.“

„Wenn ihm jemand die Stirn bieten kann, dann bist Du es“, überlegte Iohaan: „In Deiner Position kannst Du genug Dreck über ihn aufwühlen, um ihn für ein paar Jahre hinter Gitter zu bringen.“

„Iohaan, mein Einfluss bei Thorn Tervagard schwindet Tag für Tag, das weißt Du doch. Dorian hat mir hintenrum bereits einige der essenziellsten Zugänge entzogen und sie auf ein paar Speichellecker umverteilt. Und wie hat er es nach Außen kommuniziert? Ich müsse entlastet werden, damit neben dem Geschäft noch genug Zeit für die Familie bleibt und ich die Möglichkeit habe, mich von meiner Arbeit zu „erholen“. Jetzt brauch ich nur ein falsches Wort zu verlieren, und schon stellt mich mein Göttergatte als eine ausgebrannte Übermutti hin, die es nicht packt, Privates und Geschäftliches zu trennen“, sie atmete schwer aus: „Viel schlimmer ist, dass er nach dem Vorfall mit Willards Arbeitsvertrag angedeutet hat, mir das Sorgerecht für Dragan streitig zu machen, sollte ich ihm auch weiterhin so ins Handwerk pfuschen.“

„Er kann seinen Sohn nicht ausstehen. Was hätte er davon? Er wird sich wohl kaum um ihn kümmern wollen.“

„Natürlich nicht! Er wird Dragan irgendwohin abschieben und die Behörden davon überzeugen, dass es das beste für das Kind sei. Wenn ich meinen Sohn nicht mehr sehen kann ... Iohaan, das will ich mir gar nicht vorstellen ...“

Ihr Chefsekretär schüttelte den Kopf: „Dorian gehört in die Obhut der Aufsicht. Dass er nicht längst im Knast sitzt, entzieht sich meinem Verständnis.“

„Tshh … Schau uns nur an, Iohaan. Da sitzen wir und reden über dieses miese Arschloch an einem Ort, wo seine Ohren überall sind …“, lachte seine Chefin verbittert auf, dann weiteten sich ihre Augen plötzlich und sie erhob sich hektisch von ihrem Sitz. „Dieses … Gör!“, stieß sie empört aus.

Für einen kurzen Moment spielte Verwirrung auf Iohaans Gesicht, dann ging ihm ein Licht auf.

„Du hast doch nicht etwa immer noch ...“, setzte er an, doch die Hocherle würgte ihn direkt ab, wohl wissend, welche Diskussion er wieder vom Zaun brechen würde.

„Die App schadet doch nicht! Ich entkopple ‚Gud Geyz’ von Dragans Perso-Tech-Account, sobald er etwas besser auf sich aufpassen kann.“

Vor ihren Augen wurde wohl eine weitere – aus ihrer Sicht inakzeptable – Konfliktszene zwischen ihrem Sohn und ihrer Stieftochter abgespielt. Das Weinen ihres Jungen schallte unverhältnismäßig laut und besorgniserregend aus den Audiodots direkt in ihren Gehörgang.


Sie schnaubte wutentbrannt und stürmte aus der Küche.

Ihr Sekretär folgte ihr.

„Wann lässt Du denn bloß diese absolute Überwachung bleiben? Privatsphäre ist hierzulande eh kaum noch vorhanden, aber seit wann haben auch Eltern staatliche Befugnisse?“, rief er seiner Chefin nach.

„In diesen vier Wänden bin ich der Staat!“, behauptete Tiana.

Iohaan lies diese Aussage nicht auf sich sitzen.

„Die beiden können ihre Probleme auch selber lösen! Es ist ungesund, dass Du wegen jeder Kleinigkeit dazwischengehst! Auch Kinder brauchen ihre Privatsphäre und ...“

Die Hocherle ignorierte ihren Angestellten.

Im Handumdrehen hatte sie den Gästebereich erreicht, bäumte sich bedrohlich vor den beiden Halbstarken auf und fing an, ihre Stieftochter zusammenzufalten.

Dragan, in der Zwischenzeit, war zu sehr damit beschäftigt, sein unermessliches Unglück zu beweinen und war deshalb nicht dazu in der Lage, das Missverständnis aus der Welt zu schaffen, dass er nicht etwa wegen seiner älteren Schwester heulte, sondern wegen der entsetzlich frustrierenden Tatsache, dass Tiere andere Tiere töteten und aßen.


… Wie wütend seine Mutter doch klang!


Der Junge ängstigte sich, wenn es in der Familie zu Streitigkeiten kam – und gestritten wurde in dem Anwesen beinahe täglich. Von der Gesamtsituation überwältigt, war er nur noch ein jämmerliches Knöel aus Tränen, Geschnodder und Sabberblasen.


Angesichts der Umstände hatte Iohaan nur noch den Kopf geschüttelt und flüchtete sich kurz in seine Gedankenwelt. Manchmal wünschte er sich, auf Durchzug zu schalten und die ständigen Streitereien unbehelligt an sich vorbeiziehen zu lassen: schließlich war er Tianas Chefsekretär und nicht ihr privater Babysitter. Hier zu sein tat ihm nicht gut. Dann wiederum pflegte er seit dem Tod seiner Eltern kaum noch andere Kontakte und seine freien Tage einsam in einer winzigen Wohnung zu verbringen fühlte sich noch schädlicher an. Zudem hing er ja doch mit all seinem Herzen an den beiden Kindern und war seiner Chefin treuer, als er es sich eingestehen wollte.


Nicht lang, schon war er wieder zurück in der Realität. Was hatte er verpasst?


„Du weißt, wie empfindlich Dein kleiner Bruder auf solche Dinge reagiert!“, unterstellte Tiana ihrer Stieftochter.

Da platzte Olga der Kragen.

„Dragan reagiert auf ALLES empfindlich! Papa hat Recht: er IST ein verweichlichter Nichtsnutz! Man sollte ihn einmal ordentlich vermöbeln, damit er wirklich was zum Heulen hat!“


Das schlug dem Fass den Boden aus.


„Da hat Dir Deine gute Mutter wohl ein paar Schläge auf den Hinterkopf zu viel mitgegeben, bevor Dein Mustervater sich endlich von ihr getrennt hat, was?“, brauste die Hocherle auf: „Gewalt wird in diesem Haushalt nicht geduldet!“

Iohaans Gesichtszüge entgleisten kurz und missbilligend: Tianas Regeln galten wohl kaum für die vielseitigen Formen von verbaler Gewalt innerhalb des Thorn Anwesens.

„Rede nicht so über meine Mutter!“, brüllte Olga entrüstet: „Du hast keine Ahnung, also halt Deine Klappe!“

Die Jugendliche schluckte mehrfach schwer. Sie hoffte, dass der Klos, der sich in ihrem Hals gebildet hatte und ihr das Sprechen erschwerte, sich lösen möge. Aber sie hatte kein Glück.

Ihre leibliche Mutter – sie war ein gute Mutter. Eine Mutter, die es jetzt und in der Vergangenheit nicht immer schaffte, ihre Tochter zu schützen, wenn es darauf ankam. Aber warum hätte sie sich für ein Kind einsetzen sollen, das eine Strafe verdiente? Ja, ihr Vater war auch ein guter – ein gerechter Vater. Sie hatte längst keine Angst mehr vor ihm, denn sie war zu einer hörigen Tochter herangewachsen.

Tiana ahnte davon nichts. Sie traute ihrem Lebenspartner vieles zu, aber gewalttätig hatte er sich in ihrer Anwesenheit noch nie gezeigt. Zudem schien die Erle einen blinden Fleck in der Größe eines Kontinentes zu besitzen, wenn es darum ging, die tatsächlichen Probleme ihrer Stieftochter zu erkennen und ihr dabei zu helfen, diese zu lösen.

Dorians eiserne Faust ruhte, seit dem er die private Partnerschaft mit Tiana eingegangen war. Seine Macht drückte er seit vielen Jahren nur noch verbal aus oder er lebte seine sadistischen Fantasien an seinen Versuchsobjekten im Labor aus. Aber Olga wünschte sich so sehr, dass er sich eines Tages ihren kleinen Bruder vorknöpfen würde! Wie sonst sollte das Übersensibelchen Disziplin erlernen?

Dieser Nervzwerg, er verdiente eine Tracht Prügel! Wenn sie ihn nicht einer Strafe unterziehen durfte, dann sollte ihr Vater für Gerechtigkeit sorgen.


Irgendwie. Egal wie.


Sie wand ihren Blick von ihrer Stiefmutter ab und schubste ihren keinen Bruder provokativ: „Du blöder Weichling, ich habe keine Lust mehr auf Dein dummes Rumgeheule! Mal sehen, was Papa dazu sagt!“

Just wollte Dragan noch stärker weinen, weil seine große Schwester ihn gestoßen hatte, aber die Erwähnung seines Vaters lähmte ihn regelrecht. Seine Selektivität schaltete.

„W-was P-papa sagt?“, fragte er kleinlaut, wischte sich furchtsam die Tränen aus dem Gesicht und klammerte sich reflexartig an seine Schwester: „Nein, bitte! Nicht zu Papa gehen!“, flehte er sie an.

„Lass los, Du dämlicher Zwerg!“, bellte Olga: „Lass jetzt SOFORT los!“

Trotz all seiner Bemühungen hatte sie ihren kleinen Bruder abgeschüttelt. Er verlor das Gleichgewicht und landete mit dem Hintern auf dem Boden. Doch statt zu jammern, hatte sich in Dragans Gesichtszügen eine überraschende Entschlossenheit gezeigt. Für ihn gab es nichts Schlimmeres, als die Strenge seines Vaters auf sich zu ziehen. Er würde sich in seine Schwester regelrecht festbeißen, um auch die allerkleinste Stressituation mit seinem Papa zu verhindern.

Seine Schwester wusste genau, was ihre Aussage bei ihrem Bruder ausgelöst haben musste. Deshalb verlor sie keine Zeit und stürmte über den Eingang zu den Privaträumen zurück in den Flur, um von dort zur Seitenausgangstür in den Gartenbereich zu gelangen.

Ihr kleiner Bruder folgte ihr in einem – für einen 5-jähringen – überraschenden Tempo. All seine Versuche, seine Schwester zu fassen und aufzuhalten, scheiterten.

Iohaan, der die ganze Szenerie beobachtete und der Sache langsam überdrüssig wurde, überlegte sich gerade, in die Küche zurückzukehren und sich eine weitere Tasse Kaffee einzuschenken. Da sich Tiana sowieso wieder in den Streit einmischen und die Situation dadurch nur noch mehr einheizen würde, waren weitere Interventionen vergeblich.

Da fiel ihm auf, dass Tiana zu ruhig geworden war.

„Tut mir Leid, ja - Kinder. Manchmal sind sie laut.. Da ist nichts zu machen“, hörte er, wie sie sich bei jemandem über ihren Audiodot entschuldigte.

Sie baute einen kurzen Blickkontakt mit ihrem Sekretär auf, nickte ihm zu und winkte hektisch Richtung Flur: nun solle er sich um das Geschwisterpaar kümmern. Also lief er Olga und Dragan mit gemäßigten Schritten nach, während Tiana sich auf dem Sofa niederließ und einen Screen auf den Couchtisch aktivierte. Allerdings ließ es sich Iohaan nicht nehmen, einen kleinen Umweg über die Privatküche zu machen, um sich eine weitere Tasse Kaffee zu holen. So ergab es sich, dass sich sein Weg und der Weg des Thorn-Nachwuchses kurzzeitig trennte.


Von dem sich gerade ereigneten Streit vollkommen unbeeindruckt hatte sich das Home-Entertainment System lautlos heruntergefahren.


+.+.+


Olga wusste, dass ihr Vater an fast allen freien Wochentagen in seinem Labor innerhalb der Treibhauskuppel arbeitete. Über ihren Transmitter – der jedem Altatraner direkt nach der Geburt in das Handgelenk des rechten Arms verpflanzt wurde – hatte auch sie Zugang zu diesem sonst stets verschlossenen Bereich. Ihrer Stiefmutter blieb dieses Privileg verwehrt. Das erfüllte Olga mit einer innigen, stillen Freude und auch mit einem gewissen Stolz. Manchmal durfte sie ihrem Vater bei seinen Forschungen sogar assistieren. … Aber jetzt ging es um etwas anderes.


Der Innenhof war hell erleuchtet und obwohl der Morgen weit vorangeschritten war, hing der Himmel immer noch als eine schwarze Decke über dem Tal. Erst auf dem darauffolgenden Tag würde Angheran wieder auf dem Himmel über Stotchestad erstrahlen. Bis dahin überstrahlten die Lichter der Stadt das Leuchten der Sterne. Entgegen ihren Erwartungen traf Olga ihren Vater am Einfahrtstor zum Lager vor. Dorian führte gerade ein hitziges Gespräch mit dem Zusteller für Sondergüter. Auf der Ladefläche des Lieferwagens – sorgsam fixiert – befand sich eine dickwandige, transparente Box, in der sich ein Sumpfdoggen7-Welpe aufgeregt auf und ab bewegte.


„Noch mal: Ich habe eine ausgewachsene Dogge bestellt!“, maulte Dorian.

Der Bote antwortete in einem hektischen Klicklautmuster.

„Ist mir egal, was im Formular steht! Wenn eure Bestellsysteme so fehleranfällig sind, ist das nicht mein Problem! Ich kann mit einem Welpen nichts anfangen!“, Dorian tobte: „Weißt Du, wie lange eine Sumpfdogge braucht, bis sie ausgewachsen ist? Du dämliche Schmeißfliege hättest Dir die Fahrt hierher genauso gut sparen können!“


Auch wenn keine Emotionen im Gesicht des insektoiden Boten zu erkennen waren, so sprachen seine Körperhaltung, die hektische Bewegung seiner Fühler und Mundwerkzeuge sowie seine zwei Paar wild gestikulierende Arme dafür, dass er sich Dorians abfällige Art keineswegs bieten lassen wollte.

Olgas Audiodots übersetzten die Klicklaute des Lieferanten: dieser schimpfte gerade wie ein Rohrspatz, da viele seiner Ausdrücke durch den aktiven Kinderfilter ausgespiept wurden.

Dorians Gesichtszüge verhärteten sich. Als Reaktion auf die – aus seiner Sicht – seitens des Lieferanten unfachmännische Handhabung der Situation, hatte er seinen Polytasker8 aus der Tasche gezogen, ein Bild von seinem Gegenüber geschossen und in das altatranische Infonet geladen.


„So lasse ich nicht mit mir reden. Videoanruf Transportflotte ‚Exo-Rails’, Leiter der Abteilung für Sondergüter Quill Takkah“, zischte er in seinen Audiodot so, dass es auch der Lieferant klar und deutlich hören konnte.

Da ging dem Boten der Arsch auf Grundeis. Er ließ einige hektische Schnappgeräusche von sich verlauten.

„Ach, Du wirst hier nur geduldet? Dann hättest Du Dir vorher Gedanken darüber machen müssen, wie Du mit Deinen Kunden umspringst. Ihr interstellares Gesindel gehört alle auf eure dreckigen Ursprungsplaneten zurückgeschickt. Warte nur ab, was Dein Chef zu Deiner Ausdrucksweise zu sagen hat.“


Inzwischen hatte sich auch Dragan vollkommen verheult seiner Olga angeschlossen. Bei seiner Hatz war er mit der Tür kollidiert, stürzte und beweinte lauthals sein Leid bis ihm wieder einfiel, weshalb er seine Schwester so verbissen verfolgte.

Schon war er draußen: schluchzend und komplett verheult. Als er jedoch seinen Vater erblickte, versiebten seine Tränen nahezu sofort. Fast war es so, als hätte ihm jemand mit einem saugstarken Schwamm über die Augäpfel gewischt.

Eingeschüchtert klammerte er sich an Olgas Arm fest und beäugte die diskutierenden Erwachsene verschrocken. Der Blick des Jungen folgte den aufgeregten Gesten des insektoiden Zustellers und fiel auf die Transportbox.

„Eine Chichi“, dachte er sich.

Das Herz schlug ihm höher. Eine Chichi? Hier? Dass Dragan ein kaum hörbares, aufgeregtes "Chichi" entglitt, war Olga keineswegs entgangen. Sie verdrehte ihre Augen: Wie dumm ihr kleiner Stiefbruder doch war! Gefühlt alles, was auf vier Beinen lief und auch nur im entferntesten an einen Kabban erinnerte, war für ihn automatisch eine ‚Chichi’.


„Das glaubst Du doch nicht wirklich!“, lachte Dorian auf einen Kommentar des Boten plötzlich auf. Er sah wieder an seinem Gesprächspartner vorbei in die scheinbare Leere. Jemand bei Exo-Rails hatte seinen Anruf entgegengenommen: „Ja ... Hallo Quill, es gibt ein Problem bei der Zustellung. Der Welpe ist tot.“


Der Welpe? Tot? Aber er war doch dort! Quicklebendig!


Der Bote zuckte bei dem Gehörten zusammen und wollte gerade aufs Heftigste widersprechen, da erhob Dorian seinen rechten Zeigefinger und gebot ihm zu schweigen. Der kalte, drohende Blick des Mani ließ den Insektoiden erstarren.

„Ich werde die Sache mit dem Zusteller klären. Dafür hat er mit Sicherheit eine logische Erklärung. ... Ja, das kann schon vorkommen. ... Nein, das ist nicht nötig. Ich kann das biologische Material verwerten. ... Ja. Zu Schade um das kleine Ding. Meine Tochter hätte sich sehr auf ihre neue Therapiedogge gefreut. ...“, ein weiterer Lacher: „Ach was, ich hatte schon so viele ausgewachsen Sumpfdoggen als Versuchssubjekte in meinem Labor, da gewinnt man sie doch irgendwie lieb. ... Aber man kann sie ja nicht immer nur zu Versuchszwecken verwenden – auch wenn sie der altatranischen Gesellschaft für den medizinischen Fortschritt ein großes Opfer bringen. ... Ja, auf ein Exemplar als Aufmunterungstier hatte ich gehofft. Vielleicht ist das ein Zeichen. Ich werde erst Mal davon absehen, einen weiteren Welpen zu bestellen.“


Olga wurde hellhörig. Der Welpe war für sie? Leider ließ auch sie sich oft von ihrem Vater täuschen.


„Die Rechnung streichen?“, entgegnete Dorian mit überzeugendem Staunen und anschließender, vorgetäuschten Bescheidenheit: „Aber das ist doch nicht nötig. ... Wenn Dein Unternehmen darauf besteht ... Ich erledige den Formularkrieg mit dem Behörden. Du weißt ja: In meinem Arbeitsfeld kommt so etwas gelegentlich vor. ... Natürlich werde ich auch künftig bei euch bestellen, was ist das für eine Frage? ... Nein, ich wollte euch nur vorwarnen. Rechnet mit einer dicken Datenmenge in eurem Postfach die kommenden Tage. ... Nein, ich glaube nicht, dass euer Zusteller schuld ist. Er muss sich erst noch beruhigen. Die Situation scheint ihn zu überfordern“, Dorian lachte nochmals klangvoll auf: „Ja, ich dachte mir schon, dass er ganz frisch bei euch angefangen hat. ... Gerade Mal zwei Monate auf Altatran? Ja, das ist nicht einfach. ... Nein. Wir wollen seine Familie und ihn nicht wegen einem vermutlich technischen Fehler der Gefahr aussetzen, ihren Asyl-Status zu verlieren. Wir wissen ja alle, welche widrigen Verhältnisse aktuell auf Kazakkat herrschen. Da würde ich auch nicht ansässig werden wollen. ... Ja, es wird sich schon alles regeln lassen. Gar kein Problem. Ich melde mich in Kürze noch Mal bei Dir, Quill. Ihr macht einen guten Job. Bis bald.“


Dorian beendete den Video-Anruf.


Der Insektoide hatte in der Zwischenzeit seine zwei Paar Schultern sacken lassen und richtete seine langen Wangenfühler sichtlich frustriert gen Boden.

Dorian schlug gegen die Transportbox und rüttelte an dem Befestigungsmechanismus: „Die Behörden wird es brennend interessieren, wie Du so nachlässig mit der Lebend-Ware umgehen konntest, dass sie unterwegs umgekommen ist.“

Diese Feststellung weckte erneut die Lebensgeister in dem Chitin-Panzer des Zustellers. Er wedelte aufgeregt mit den Armen. Seinen Mundwerkzeugen klickten ohne Punkt und Komma.

„Das wird Dir keiner Glauben. Signale und Mitschnitte innerhalb dieser Mauern, bleiben innerhalb dieser Mauern – es sei denn, ICH WILL, dass jemand davon erfährt. Du bist nur ein unbedeutender Asylant, mich dagegen kennt jeder auf diesem Planeten. Wenn Du auch nur daran denkst, meinen Namen in den Schmutz zu ziehen, verklage ich Dich wegen Diffarmierung und Rufschädigung und dann katapultiert man Dich und Deine gesamte Brut so weit ins All, dass euch eure dreckigen Erdlöcher auf Kazzakat wie Paläste vorkommen werden. Ich würde mir gut überlegen, ob Du Dich wirklich mit mir anlegen willst. Ich schlage stattdessen eine Kooperation vor, damit wir beide bekommen, was wir wollen.“

Des Zusteller gab resignierend nach.

„Ich bin ein vielbeschäftigter Mani“, erklärte sich Dorian: „Deshalb kannst Du Dir vielleicht vorstellen, dass ich keine Zeit habe, auf ein neues, ausgewachsenes Sumpfdoggen-Exemplar zu warten. Noch weniger habe ich die Zeit, ein Jungtier hochzuziehen.“ Er beugte sich zu der Transportbox vor. Der Welpe streckte ihm neugierig seine, lange, mit spitzen Zähnen besetzte Reptilienschnauze entgegen. „Meine kleine Notlüge tut mir ehrlich leid“, entschuldigte er sich: „Ich muss den Formularkrieg mit den Ämtern so gering wie möglich halten. Einen Welpen als Versuchstier bei den Behörden durchzubringen ist selbst für ein Unternehmen wie 'Thorn Tervagard' so gut wie unmöglich. Vor der Freigabe ist die genannte Dogge bereits dreimal ausgewachsen.“

Dorian verpasste dem Boten einen Klaps auf die Schulter: „Aber Du verstehst doch sicherlich, dass meine Arbeit keinen Aufschub duldet. Ich stehe kurz vor einem Durchbruch für eine regenerative Heilsalbe. Sie wird die Wundheilung revolutionieren. Du möchtest dem medizinischen Fortschritt doch sicherlich nicht im Weg stehen?“

Der Insektoide schüttelte zögernd den Kopf.

„Wunderbar! Dann sind wir uns einig!“, stellte der Mani munter fest: „Die benötigten Formulare für einen Gescheiterten Lebend-Transport sind Dir bekannt. Gib einfach an, dass der Welpe den Transportstress nicht überstanden hat. Mit meiner Unterschrift werde ich bestätigen, dass der Tod des Welpen bloß ein unglücklicher Vorfall war, den Du keineswegs verhindern konntest.“

Dorian tippte und schob irgendwelche Unterlagen auf seinem Polytasker zusammen, während er von dem Lieferanten skeptisch beäugt wurde.

Einige kaum hörbare Zischlaute verrieten dessen Nervosität.

„Jetzt mach Dir mal nicht in den Panzer. Der Zeitstempel Deiner Lieferung und der Todespunkt des Welpen sind bereits eingetragen. Und Deine kleine Schimpftirade ist schon vergessen.“

Dorian tippte noch etwas in seinen Polytasker ein: „Und die Todesursache ist ebenfalls geklärt und festgehalten. Ein übersehener Herzdefekt. Sehr dramatisch, kommt aber vor. Du bestätigst, dass der Welpe tot ist?“

Der Bote sah das kleine Wesen in der Transportbox bemitleidend an, nickte dann trotzdem und verdiente sich damit ein paar Klopfer auf den Rücken.


Dragan – von dem Welpen immer noch wie hypnotisiert – hatte von dem Gespräch zwischen Dorian und dem Lieferanten längst nichts mehr mitbekommen. Er hätte vermutlich auch nicht all zu viel davon verstanden.

DAS war die Chance, dem nervigen Tränenkönig Ärger zu machen, so dachte sich Olga und stupste ihren kleinen Bruder an.

„He, Dragan ...“, flüsterte sie ihm zu: „Du darfst jetzt auf keinen Fall weinen, sonst merkt Papa, was wir vorhaben.“

„Was haben wir vor?“, fragte ihr Stiefbruder verwirrt.

„Na, Chichi retten, natürlich, bevor Papa sie an seine Killerpflanze im Labor verfüttert.“

Dragans Gesicht verzog sich kurz zu einer entsetzten Grimasse, dann biss er sich auf die Unterlippe und nickte, ohne auch den kleinsten weinerlichen Mucks von sich zu geben.

Sein Verhalten stellte Olga zufrieden. Der Weg, ihren kleinen Bruder zu einer Dummheit anzustiften, war nun geebnet. Aber wie könnte sie es so anstellen, dass sie selbst unbescholten davon käme?

Der Behälter mit dem Welpen wurde in einer gewissen Entfernung von dem Lieferfahrzeug abgestellt. Dorian und der Lieferant waren zur Front des Fahrzeugs gelaufen.

„Na los, das ist Deine Chance“, stachelte seine große Schwester ihn an: „Du kannst den Behälter nehmen und verstecken. Wir finden schon einen Weg, ihn zu öffnen.“

Dragan kämpfte mit der Angst. Er war ein feiges Kind – das war kein Geheimnis. Aber für Chichi würde er genug Mut aufbringen.

„Ihr habt jetzt nicht wirklich vor, den Welpen zu stehlen und irgendwo im Anwesen zu verstecken, oder?“, erklang Iohaans ruhige Stimme hinter ihnen.

Die beiden Verschwörer zuckten zusammen und wanden sich erschrocken um. Der Chefsekretär ihrer Mutter nahm einen entspannten Schluck aus der Kaffeetasse, die er mit beiden Händen umfasste, dann setzte er den Tassenrand wieder von seinem Mund ab und schützte wertend die Lippen.


Olgas Gedanken rasten. Nur weil man auf frischer Tat ertappt wurde, hieß es noch lange nicht, dass man auch gestehen musste. Besser, man schob die Schuld ganz schnell jemand anderem zu.

Die Teenagerin gab ihrem kleinen Bruder einen energischen Schubser.

„Dragan, ich sagte doch, dass das eine blöde Idee ist!“, zischte sie laut: „Papa würde sowieso sofort drauf kommen, dass Du die Box mit dem Welpen gestohlen und versteckt hast!“

„Aber ...!“, versuchte ihr Bruder zu widersprechen, da schubste ihn seine Schwester wiederholt.


„Mh“, entgegnete Iohaan unbeeindruckt.


Hatte er sie durchschaut? Was hatte er mitbekommen? Dieser Mensch könnte ihr sowieso nichts nachweisen! Es ist ja sowieso noch gar nichts passiert! Warum sah er sie so an? Sie sollte nicht so starren. Machte sie sich verdächtig?


Iohaan lächelte dünn und nahm einen weiteren Schluck Kaffee.


Natürlich hatte er sie durchschaut. Iohaan mache man nicht so einfach etwas vor.


„Wer auch immer der Drahtzieher ist ...“, fing der Chefsekretär an und bescherte beiden Kindern einen nicht gar so strengen Blick: „ich würde euch davon abraten, den Welpen zu stehlen. Keiner von uns möchte, dass euer Vater schlechte Laune bekommt, nicht?“

Unterdessen war der Bote in sein Transportfahrzeug gestiegen, während Dorian zwei Schlepp-Bots dazu anwies, die Transportbox mit der Jungdogge ins Labor zu schaffen.

Bevor der Zusteller von dem Gelände fuhr, rief ihm Dorian zu: „Ich danke für die ausgezeichnete Zusammenarbeit!“

1In Tavandrien ist es Brauch, die Handflächen gegeneinander zu reiben, wenn man bei jemandem um Entschuldigung bittet. Dabei hält man die Hände, abhängig von der Intensität der Bitte um Verzeihung, auf der Höhe des Gesichtes (es tut einem nicht sonderlich leid) oder oberhalb des Kopfes (es tut einem sehr Leid). Auch die Geschwindigkeit / Beherztheit, mit der die Hände gegen einander gerieben werden, unterstreichen den Grad der Demut. Ein langsames und halbherziges gegeneinander reiben der Hände wird niemanden davon überzeugen, dass eine Entschuldigung ernst gemeint ist. Will man eine ironische Entschuldigung aussprechen, kann man die Hände in der Höhe des Gesichtes schnell gegen einander reiben und dabei das Gesicht verziehen oder die Augen verdrehen.


2manimorph bedeutet „von Gestalt eines Mani, maniähnlich“


3DI2B-Linsen, aufgeschlüsselt „Digital-Image to Brain-Linsen“ – auch Ditubies genannt – sind Kontaktlinsen, die es ermöglichen, digitalen Bild- und Videoinput direkt ins Gehirn zu leiten und im Auge zu projizieren.


4„Kusashnan“, hergeleitet aus Ashnan, mesopotamische Göttin des Getreides, und Kusu, ihr ursprünglicher Beiname


5Kabban – Ein hundeänliches Tier, welches nach Altatran eingeschleppt wurde.


6Altatransk für "Dummkopf". „Pusto“ – Adjektiv, Bedeutung: „leer“. „Hol“ – Nomen, Bedeutung: „Kopf“.


7Sumpfdoggen sind ursprünglich von Altatran stammende Tiere, die sich aus einem Strang Echsen entwickelt haben und vom Verhalten und Aussehen her den Hunden auf der Erde sehr ähneln. Im Gegensatz zu Hunden haben sie allerdings eine Schnauze, die eher einem Reptil ähnelt. Sumpfdoggen werden auch in der Moderne immer noch dazu ausgebildet, emotionalen Support zu leisten. Sie sind sehr handzahm und ruhig vom Charakter – können bei schlechter Ausbildung aber auch sehr schnell gefährlich werden. Tierhaltung ist auf Altatran grundsätzlich verboten, mit einigen Ausnahmen von Support-Tieren, die man allerdings beantragen muss und nicht einfach ohne Grund halten darf.


8Ein handliches Multifunktionsgerät zur Unterhaltung, Informationsbeschaffung und Steuerung der internen bioelektrischen Mods, welches jeder Altatraner vom Staat gestellt bekommt. Im Falle von Verlust oder Zerstörung wird das Gerät kostenfrei ersetzt.

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